Vision Deutschland
Vision Deutschland
- Vorweg
- Das Dach über dem Kopf
- Der Platz, den keiner will
- Ein Abitur ist nicht gleich ein Abitur
- Die Kasse, die das Gesundsein nicht bezahlt
- Selber machen, wenn man gelassen wird
- Der billige Sprit, den keiner garantieren kann
- Die Fachkraft, die schon da ist
- Die Rente und das gleiche Maß
- Der Staat, der die Last am falschen Ende trägt
- Der Staat und das Augenmaß
- Der Weg gehört uns allen
Vorweg
Ich habe früh angefangen zu arbeiten. Mit fünfzehn stand ich schon im Laden, habe Regale eingeräumt und die Einkaufswagen vom Parkplatz geholt, und richtig aufgehört habe ich seitdem nie mehr. Meinen ersten Beruf habe ich eigentlich nur aus Verlegenheit gelernt — den, den ich wollte, gab es gerade nicht zu haben, und warten wollte ich nicht. Ich habe die Ausbildung durchgezogen, obwohl mir bald klar war, dass sie für mich in eine Sackgasse führt: Die Hautkrankheit und das Material, mit dem damals gearbeitet wurde, vertrugen sich einfach nicht. Danach habe ich mich lieber gleich richtig in eine andere Richtung qualifiziert, statt ungelernt in irgendeinem Job zu versacken, denn ohne Ausbildung kommt man nirgends voran. Ein paarmal habe ich auch versucht, mich selbstständig zu machen, und bin ein paarmal damit auf die Nase gefallen. Am Ende wusste ich wenigstens, was zu mir passt und was nicht — und das ist vielleicht die wichtigste Lehre aus all dem: dass man mit seiner ersten Vorstellung davon, was richtig ist, ganz schön danebenliegen kann, und dass es Jahre und einige Anläufe braucht, bis man das begreift. Es ist mir später oft eingefallen, wenn ich unser Land betrachtet habe.
Den größten Schritt habe ich gemacht, als mir ein Arbeitgeber kündigte und ich vor der Wahl stand, nur zurückzuschlagen oder zugleich nach vorn zu schauen. Ich habe beides getan — den Streit habe ich gewonnen, aber wichtiger war, dass ich die Gelegenheit nutzte, um noch einmal ganz neu anzufangen und mich umschulen zu lassen. Es war die Arbeit im Schichtdienst, Nacht für Nacht, Wochenende für Wochenende, die mich forttrieb; das kostet Freundschaften und Nähe, das weiß jeder, der es kennt. Aus dieser Umschulung ist das geworden, wovon ich seit über zwanzig Jahren lebe. Und rückblickend war keiner dieser Schritte ein Umweg. Es gibt keinen geraden Weg von A nach B, jedenfalls nicht im Leben. Jede Station, auch die, die in eine Sackgasse führte, war die Voraussetzung für die nächste. Ohne sie wäre ich nie dort angekommen, wo ich heute stehe.
Erst seit ein paar Jahren ist es so, dass mein Job zum Leben reicht, ohne dass ich groß rechnen muss. Für alles darüber hinaus, die Hobbys, das bisschen, das man sich gönnt, arbeite ich nebenher noch. Und dann ist da das Haus. Ein alter Kasten, den ich über die Jahre selbst hergerichtet habe, Wand für Wand, und der jetzt bald mir gehört und nicht mehr der Bank.
Ich erzähle das nicht, weil meine Geschichte etwas Besonderes wäre. Im Gegenteil. Ich erzähle sie, weil sie so gewöhnlich ist. Millionen Menschen hier könnten etwas Ähnliches erzählen, jeder mit anderen Stationen, aber im Kern klingt es gleich: viel gearbeitet, manches erreicht, manches verloren, und am Ende ein Leben, das einen trägt, wenn man es lässt. Aus diesem gewöhnlichen Leben heraus schreibe ich. Nicht als Fachmann, der alles besser weiß, sondern als ein Mensch, der hinschaut.
Und wenn ich hinschaue, sehe ich gerade das hier: Schon wieder wird über eine Bremse für den Spritpreis geredet, zum zweiten Mal in kurzer Zeit. Ein paar Cent weniger an der Zapfsäule, für ein paar Monate, mit Milliarden bezahlt. Und weil das Geld mit der Gießkanne über alle verteilt wird, über die, die es brauchen, genauso wie über die, die es nicht brauchen, kostet es ein Vermögen und fehlt dann an anderer Stelle — bei den Dingen, die wirklich etwas ändern würden und auf lange Sicht wirken. Wenn die Monate vorbei sind, ist trotzdem alles wieder wie vorher. Woran es wirklich liegt, dass wir so am teuren Öl aus fremden Ländern hängen, hat niemand auch nur angefasst. Das ist eine Geste. Sie sieht nach Handeln aus, sie kostet ein Vermögen, und sie ändert nichts. Dass man ausgerechnet ein zweites Mal zum selben Mittel greift, sagt fast alles über den Zustand, in dem unsere Politik steckt.
So läuft es nämlich meistens. Schnell etwas hinstellen, das man sehen kann. Und sich vor allem gegen die anderen behaupten, die andere Partei, das andere Lager. Die Frage, wo wir in zwanzig Jahren stehen wollen und wie wir da gemeinsam hinkommen, stellt kaum einer. Es geht fast immer darum, den Streit von morgen zu gewinnen. Uns Bürger bindet dabei niemand in ein gemeinsames Ziel ein. Wir sind die Zuschauer bei einem Dauerstreit, und damit wir ruhig bleiben, bekommen wir alle paar Monate eine sichtbare Kleinigkeit vorgesetzt. Und die stellt sich dann oft genug als nicht tragfähig heraus. Es sind Brotkrumen, die man streut, damit wir stillhalten. Sie stillen den Hunger des Augenblicks, aber sie wirken nur, solange gestreut wird — denn eine echte Lösung sind sie nicht. Hört das Streuen auf, ist der Hunger sofort wieder da.
Jetzt wäre es leicht, mit dem Finger auf die Politiker zu zeigen. Nur wäre das falsch. Denn diese Art, mit Problemen umzugehen, funktioniert überhaupt nur, weil wir sie zulassen. Wir wollen Hilfe, und wir wollen sie sofort. Das ist menschlich, und wenn einer wirklich in Not ist, ist es sogar richtig. Aber genau diese verständliche Ungeduld wird belohnt. Wer schnell etwas Sichtbares liefert, kriegt den Applaus. Wer sich langsam an die eigentliche Ursache setzt, deren Lösung erst in Jahren trägt, sieht in der Zwischenzeit aus wie einer, der nichts tut. Also liefert die Politik das Sichtbare, weil wir danach verlangen — und wir verlangen weiter, weil das Wirksame ja ausbleibt. Jeder dreht an derselben Schraube.
Das ist die Falle, um die es hier geht. Sie hat keinen Bösewicht. Gebaut hat sie keiner, am Laufen halten sie alle. Und das Bitterste an ihr ist: Wir spüren durchaus, dass nichts besser wird. Wir spüren bloß nicht, dass wir selbst mit im Getriebe stecken. Diese Enttäuschung bleibt nicht folgenlos. Sie wird eingesammelt, von denen, die einfache Antworten haben und einen Schuldigen dazu. Wenn nichts mehr funktioniert, klingt die Stimme eben verlockend, die sagt, es liege an den anderen.
Aber wenn wir diese Falle gemeinsam am Laufen halten, dann können wir sie auch gemeinsam anhalten. Das ist der Grund für diesen Text. Er ist keine Kampfschrift gegen irgendeine Partei, und er sucht keinen Schuldigen. Er versucht etwas anderes, etwas ziemlich Unmodernes: übers Wohin zu reden. Nicht über die nächste Wahl, sondern über die nächsten zwanzig Jahre. Und nicht in der Sprache der Fachleute, sondern so, wie man mit dem Nachbarn übern Zaun redet. Es wird um Zumutungen gehen, ganz ehrlich, denn jeder wird etwas davon spüren — der eine mehr, der andere weniger, aber gespürt wird es überall, ganz oben wie ganz unten. Der eine oder andere wird sich von alten Gewohnheiten verabschieden müssen. Aber es geht nicht um Verzicht, nur damit verzichtet wird. Es geht darum, wohin dieses Land sich bewegen könnte, wenn wir aufhören, uns gegenseitig die schnelle Geste vorzurechnen, und anfangen, das Langsame, das wirklich wirkt, gemeinsam zu wollen.
Fertige Konzepte, alles durchgerechnet, habe ich nicht im Gepäck. Diese Vision zeigt eine Richtung und ein paar machbare Ideen, keine Tabellen. Wo es ans Rechnen ginge, verweise ich auf die längeren Beiträge in meinem Blog, auf www.kitilop.de. Hier soll das Bild zählen, nicht die Zahl.
Und noch eins vorweg, damit man mich richtig liest: Wenn ich auf den folgenden Seiten Probleme benenne, dann nicht, um zu klagen. Das Problem ist für mich immer nur der Anfang. Es zeigt, wo etwas hakt — und erst wenn man das genau weiß, kann man sagen, wo man eigentlich hinwill. Mir geht es nicht um das, was schlecht läuft, sondern um das, was daraus werden könnte. Fangen wir bei dem an, was den meisten am nächsten ist: beim Dach über dem Kopf.
Das Dach über dem Kopf
Als ich diesen Kasten übernahm, war das Erste, was ich tat, ihn auszuräumen — und zwar bis auf die Knochen. Ich hatte drei Monate Freistellung, mehr Zeit war nicht, und in diese drei Monate musste die Entkernung passen. Das Haus ist in drei Anläufen gewachsen, einmal um 1930 gebaut, in den Fünfzigern erweitert, in den Achtzigern noch einmal, drei Bauweisen bis hin zum Stahlbeton, versetzte Ebenen, ein langer, eigenwilliger Bau. Wasser raus, Strom raus, alles neu. Das Dach habe ich in Teilen saniert, aber unterhalb dessen, was die Förderung verlangt hätte, weil die geforderte Dämmung schlicht zu teuer gewesen wäre — dazu kommen wir später noch, das ist eine eigene Geschichte.
Und dann habe ich etwas gemacht, das damals kaum jemand verstand. Ich habe in jeden Raum Netzwerkkabel gelegt. Reichlich Strom, mehr Steckdosen, als man zu brauchen glaubte. Eine Zukunft, die ich selbst noch gar nicht so richtig kommen sah, aber von der ich ahnte, dass sie kommen würde. Heute lässt sich ein smartes Zuhause bei mir leicht nachrüsten, weil die Leitungen längst in den Wänden liegen. Vieles davon habe ich in drei knappen Monaten geschafft, und ehrlich: Drei Monate sind knapp. Trotz Kredit war außer dem Bad alles nur eine Basissanierung, PVC-Böden statt Parkett, günstige Lösungen, wo es ging, weil das Geld eben nur so weit reichte, wie es reichte.
Was der Kasten heute wert wäre, wenn ich verkaufen wollte, ist ungefähr das Dreifache von dem, was ich bezahlt habe. Ich will nicht verkaufen. Aber die Zahl sagt mir etwas: Das war keine schlechte Entscheidung, und es war eine, die ich selbst getroffen und mit eigenen Händen bezahlt habe.
Ich erzähle das, weil im Moment über etwas ganz anderes geredet wird, wenn es ums Wohnen geht. Da ist von Enteignung die Rede, von Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne. Der Gedanke dahinter ist ja nachvollziehbar: Die Mieten sind hoch, die Konzerne verdienen daran, also nimmt man ihnen die Wohnungen weg. Nur schafft das keine einzige neue Wohnung. Es hängt ein anderes Schild an die Tür, mehr passiert nicht.
Man kann sich das grob durchrechnen, auch ohne Taschenrechner. Der Staat müsste die Wohnungen ja kaufen, und einen Kauf in dieser Größe finanziert man über ein Darlehen. Für dieses Darlehen fallen Zinsen und Tilgung an — und die ersetzen ziemlich genau den Gewinn, den vorher der Konzern gemacht hat. Vorher floss die Marge zum Eigentümer, jetzt fließt sie zur Bank, die den Kauf bezahlt hat. Die Kosten für den Erhalt der Häuser bleiben ohnehin gleich, eine Wohnung will instand gehalten werden, ganz gleich, wem sie gehört. Das stimmt nicht auf den Cent, die Richtung stimmt: Unterm Strich verschiebt sich vor allem, wer die eine Position kassiert. Der Mieter bleibt Mieter, in einem Markt, in dem es zu wenig Wohnungen gibt, und er zahlt weiter die Miete, die das alles tragen muss. Es ist wieder eine Geste. Sie sieht entschlossen aus, und sie lässt die Sache, wie sie war.
Mich reizt der andere Weg, der langsame. Aus dem Mieter einen Eigentümer machen. Nicht über Nacht, sondern über eine ganze Generation gedacht. Eine Förderung, die den Namen verdient, und eine Rückzahlung, die einen nicht erdrückt — die genauen Instrumente lasse ich hier offen, das ist Sache der Fachleute und der längeren Rechnungen. Worum es mir geht, ist das Ziel dahinter, und das ist stärker, als es zunächst klingt. Wer sein Haus oder seine Wohnung im Alter abbezahlt hat, wohnt mietfrei. Und mietfrei im Alter ist der wirksamste Schutz gegen Altersarmut, den ich kenne. Die Miete ist für die meisten der größte Posten. Fällt sie weg, reicht plötzlich eine Rente, die sonst nicht gereicht hätte.
Und es hört nicht bei dem einen Menschen auf. Das Geld, das nicht mehr in die Miete geht, wandert in den Konsum, und darüber kommt am Ende auch beim Staat wieder etwas an. Man darf den Staat da nicht als fremde Kasse sehen, in die etwas hineinfällt — der Staat, das sind wir alle. Wenn die Einnahmen sprudeln, kann dieses Geld zurück in sinnvolle Dinge fließen, in die Schiene, die Schule, das Netz, von denen ich noch reden werde. Es ist kein Verlust, es ist ein Kreislauf. Vor allem aber: Was abbezahlt ist, wird vererbt. Die Enkel und Urenkel fangen dann nicht bei null an, sondern mit einem Dach über dem Kopf, das ihnen keiner mehr nehmen kann. Das ist ein Vorsprung, den heute nur wenige mitbekommen.
Ehrlich sein muss man trotzdem, und zwar bei der Zumutung. Der Weg ins Eigentum ist kein Geschenk. Er ist das, was ich selbst kenne — die drei Monate Entkernung, die Jahre danach, das Abzahlen, das Verzichten auf manches in der Zwischenzeit. Eine Bindung über Jahrzehnte an ein eigenes Projekt, freiwillig, oft körperlich, immer mit dem Ziel vor Augen. Aber es ist nicht der Preis für ein Geschenk. Es ist der Preis für die eigene Freiheit im Alter. Und das ist ein Unterschied, den jeder spürt, der es einmal getan hat.
Bleibt ein Haken, und den will ich nicht verschweigen, weil er sonst alles kippt. Wenn der Staat nur den Kauf fördert und sich sonst nichts ändert, dann passiert etwas Böses: In einem Markt, in dem die Wohnungen ohnehin knapp sind, treibt die Förderung die Preise erst recht nach oben. Wer schon Geld hat, greift zu, und es wird für alle teurer. Am Ende hilft es genau denen nicht, denen es helfen sollte, den Ärmsten. Eine Eigentumsförderung allein ist deshalb kein Selbstläufer. Sie braucht einen Zwilling, der dafür sorgt, dass überhaupt genug da ist und dass sich das Verhältnis von Angebot und Nachfrage dreht. Und dieser Zwilling führt uns weg aus der Enge der Städte — dorthin, wo Platz im Überfluss liegt und trotzdem keiner hinwill.
Der Platz, den keiner will
Vor acht Jahren bin ich noch jeden Tag zur Arbeit gefahren, in einen Ort im Rhein-Main-Gebiet, gut fünfundsiebzig Kilometer pro Strecke. Ich habe dabei ein halbes Autoleben verheizt. Diese Strecke fahre ich bis heute.
Nicht mehr täglich, das hat Corona geändert. Ich habe einen IT-Job und einen vernünftigen Netzanschluss zu Hause, also war das Homeoffice schnell da, erst ganz, dann haben wir uns aus guten Gründen, sozialen wie beruflichen, auf einen Bürotag pro Woche geeinigt. Für diesen einen Tag aber fahre ich immer noch zwischen Viertel vor fünf und Viertel nach fünf los. Nicht, weil ich gern so früh aufstehe, sondern weil ich sonst im Stau bei Mainz und Frankfurt stünde.
Und jetzt kommt der Punkt, der mich wirklich ärgert. Ich würde diese Strecke gern mit Bus und Bahn fahren. Das Deutschlandticket kostet dreiundsechzig Euro im Monat, und das wäre es mir doppelt wert. Zum einen, weil ich lieber gelassen in der Bahn säße, als mich jeden Morgen konzentriert hinters Lenkrad zu klemmen. Zum anderen, weil es sich schlicht rechnet: Allein die vier regulären Fahrten zur Arbeit und zurück, die ich im Monat habe, sind zusammen rund sechshundert Kilometer, und mit allem, was ein Auto wirklich kostet, ist das deutlich teurer als das Ticket. Und der eigentliche Hebel liegt noch tiefer: Ein ÖPNV, der für mich funktionieren würde, hieße, dass ich ein Fahrzeug ganz abschaffen könnte. Ich habe nämlich zwei, weil auf dem Land ein Ausfall nicht nur beim Weg zur Arbeit unangenehm wird, sondern im ganzen Leben.
Nur müsste ich für diese eine Strecke viermal umsteigen — Bus, Zug, Zug, Zug, Bus. Und um pünktlich um sechs anzufangen, müsste ich kurz vor Mitternacht losfahren, weil nachts eben keiner fährt. Nachts hat gefälligst jeder zu schlafen, so ist der Fahrplan gebaut. Das hat mit der Wirklichkeit einer Arbeitswelt, die immer mehr Zeit verlangt, nichts mehr zu tun. Ich bin also nicht einer, der partout im Auto sitzen will. Ich bin einer, den das fehlende Angebot ins Auto zwingt. Der Wille ist da. Es fehlt das andere.
Wie kaputt diese Verzahnung sein kann, habe ich einmal auf die komische Art erlebt. Ich wollte beim Joggen nicht ewig im Kreis laufen, und weil der Sommer heiß war, bin ich früh los, mit neuen Schuhen, was keine gute Idee war. Nach knapp zwanzig Kilometern taten mir die Füße weh, und ich stand in Oppenheim, so gegen fünf Uhr morgens. Der Zug nach Guntersblum kam gegen halb sechs, und zehn Minuten später war ich am dortigen Bahnhof. Von da sind es allerdings noch mehrere Kilometer bis zu mir nach Hause, die der Bus hätte übernehmen sollen — nur fuhr der sonntags erst gegen acht. Also bin ich die letzte Strecke mit schmerzenden Füßen lieber langsam zu Fuß gegangen. Zehn Minuten Zugfahrt — und dann ein Loch von über zwei Stunden, ausgerechnet auf dem kürzesten, letzten Stück, weil an der Stelle, wo ein Verkehrsmittel ins andere übergehen müsste, einfach nichts übergeht.
Ich habe sogar überlegt, statt der Busse ein Fahrrad einzusetzen. Aber selbst mit gültigem Ticket ist in der Bahn nicht sicher, dass man mitgenommen wird — das hängt am Ende an der Laune des Zugbegleiters. Man will das Richtige tun, und an jeder zweiten Ecke steht eine Kleinigkeit im Weg.
Und dabei habe ich es noch gut. Ich sitze im Speckgürtel gleich mehrerer Zentren, bei mir ist es die komfortable Version. Wenn es hier schon so mühsam ist — wie sieht es dann erst weit draußen aus, in den Dörfern, aus denen die Jungen wegziehen, weil es keine Arbeit gibt, keinen Bus, keine Perspektive?
Genau da liegt der Zwilling zum Wohnen. In den Städten sind die Wohnungen knapp und teuer, auf dem Land steht Fläche im Überfluss und veraltet, weil keiner hinwill. Das Verrückte daran ist: Wir wohnen und arbeiten immer noch so gedrängt, als gäbe es die Gründe dafür noch. Früher musste die Fabrik nah an den Fluss, an die Bahnlinie, an den Hafen, weil Transport teuer und langsam war. Diese Zwänge sind längst gefallen. Was heute zählt, ist ein Kabel und eine anständige Verbindung. Wir leben in einer Ordnung, deren Gründe verschwunden sind, und wir bleiben darin sitzen, aus reiner Gewohnheit.
Der Hebel, das zu ändern, ist die Infrastruktur, und zwar bevor die Menschen kommen, nicht danach. Schnelles Netz, damit man arbeiten kann, wo man will. Eine Schiene, die man großzügig anlegt, bis zum Gewerbegebiet hinein — es ist viel billiger, sie aufs freie Land zu bauen als später in eine enge Stadt zu quetschen, mit Tunneln und Lärmstreit und jahrelangem Ärger. Und Strom, auf den man sich verlassen kann. Erst kommt das Angebot, dann kommt die Nutzung. Nicht umgekehrt.
Ein Beispiel, das fast nichts kostet und trotzdem liegen bleibt: das Roaming im eigenen Land. Wer ins Ausland fährt, dessen Handy bucht sich selbstverständlich in irgendein Netz ein, das gerade da ist, und die Anbieter rechnen das untereinander ab. Im Inland geht das nicht. Auf dem Papier haben wir hundert Prozent Abdeckung, aber jeder hängt an seinem einen Anbieter — und steht damit im Nachbardorf ohne Empfang da, obwohl ein anderes Netz bestens funktioniert. Man müsste es nur wollen. Die Bundesnetzagentur könnte einen Ausgleich regeln, genau wie beim Auslandsroaming. Billig, konkret, sofort machbar.
Man darf das nur nicht als Befehl missverstehen. Kein Mensch soll den Firmen vorschreiben, aufs Land zu ziehen — das wäre Planwirtschaft und würde zu Recht scheitern. Der Staat schafft die Bedingungen und macht das Land attraktiv, und die Verlagerung folgt von selbst, weil sie sich lohnt. Das kostet erst einmal viel, keine Frage. Es ist eine große Vorleistung, die sich über eine Generation auszahlt. Aber es geht dabei nicht um Strafe und Verzicht, sondern um etwas Besseres: kürzere Wege, mehr Platz, ein Leben, das nicht jeden Morgen um Viertel vor fünf beginnt, damit man dem Stau entkommt.
Wer aber aufs Land zieht, mit Kind und Kegel, dem stellt sich neben vielem anderen auch eine Frage, und sie ist eine der wichtigsten überhaupt: Was ist mit der Schule?
Ein Abitur ist nicht gleich ein Abitur
Stellen wir uns die Familie vor, die es gewagt hat. Sie ist rausgezogen, aufs Land, wo die Miete bezahlbar ist und Platz zum Atmen. Der Job läuft übers Netz, die Bahn ist in Reichweite. Und dann kommen die Fragen, die über alles andere entscheiden, und sie kommen der Reihe nach. Gibt es überhaupt die richtige Schule für mein Kind — die Schulform, die zu ihm passt? Ist sie von hier aus erreichbar, ohne dass das Kind zwei Stunden am Tag im Bus sitzt? Gibt es vielleicht sogar ein Ganztagsangebot, wenn beide Eltern arbeiten? Und wenn man über eine Landesgrenze gezogen ist, kommt noch eine Frage obendrauf, die man leicht unterschätzt: Passt der Lehrplan überhaupt zu dem, was das Kind bisher gelernt hat — und was ist der Abschluss von hier am Ende wert, verglichen mit dem aus der Stadt oder aus dem Nachbarland?
Das ist keine Nebenfrage. Für viele Familien ist sie der eigentliche Grund, warum sie eben nicht rausziehen. Man riskiert nicht die Zukunft seiner Kinder für eine günstigere Miete. Und solange die Antwort unsicher ist, bleibt das ganze schöne Bild vom Leben auf dem Land ein Bild.
Dabei liegt der Gedanke, der das lösen würde, eigentlich auf der Hand. Jedes Kind sollte auf demselben hohen Fundament stehen, egal wo es zur Schule geht. Nicht überall dasselbe, bis ins letzte Detail — aber überall derselbe feste Boden unter den Füßen. Ich rede ausdrücklich nicht davon, alles einzuebnen und nach unten anzugleichen. Im Gegenteil. Einheitlich hoch heißt: jedem Kind das Beste anbieten und es nach oben fördern. Es geht um gleiche Startlinien, nicht um gleiche Ergebnisse. Das eine ist Gerechtigkeit, das andere wäre Gleichmacherei — und die will kaum jemand, wenn es um die eigenen Kinder geht.
Und dann ist da noch die andere Frage, die kaum jemand stellt: Was gehört eigentlich auf dieses Fundament? Ich kenne Eltern aus verschiedenen Bundesländern, und ich staune seit Jahren über das, was die Kultusminister da an Lehrplänen zusammenbauen. Es geht immer nur in eine Richtung. Mehr Stoff, dichter gepackt, in weniger Zeit — bis am Ende G8 dabei herauskommt, das Abitur in acht Jahren, weil man alles Bisherige noch enger zusammengeschoben hat. Auf die Idee, etwas wegzulassen, scheint niemand zu kommen.
Dabei wäre genau das der Mut, der fehlt. Man könnte manche Fächer nur als Grundlage anbieten, zum Kennenlernen, und den Stoff, der darüber hinausgeht, freiwillig machen für die, die er wirklich interessiert. Man könnte den Fokus auf das legen, was die eigentliche Grundlage ist und was einen befähigt, später selbst weiterzulernen. Ich glaube, die Verantwortlichen behandeln den Lernstoff wie ein beliebig zusammendrückbares Gut — und weichen damit der eigentlichen Entscheidung aus, nämlich der Frage, was wirklich wichtig ist und was nicht. Immer mehr draufzupacken ist bequemer, als sich festzulegen und etwas zu streichen. Ich sage bewusst nicht, dieses oder jenes Fach müsse weg — darüber muss man streiten, und jeder verteidigt das Seine. Ich sage nur: Man müsste den Mut haben, überhaupt zu fragen, was Grundlage sein muss und was Vertiefung sein darf, statt der Frage durch immer mehr Verdichtung auszuweichen.
Wie sehr das nach hinten losgeht, hat gerade erst die jüngste große Schulvergleichsstudie gezeigt. Die Leistungen der Fünfzehnjährigen in Deutschland sind auf einem historischen Tiefstand, so schlecht wie noch nie, seit man das misst — und ausgerechnet in den Grundlagen, im Lesen, im Rechnen. Rund ein Fünftel der Jugendlichen erreicht in keinem der geprüften Bereiche mehr das Mindestniveau. So eine Studie sagt einem nur, wie es steht, nicht, woran es liegt; sie bewertet unser Schulsystem nicht, sie misst bloß das Ergebnis. Aber die Deutung drängt sich auf: Wenn man den Kindern immer mehr Stoff in immer weniger Zeit auflädt, bleibt am Ende ausgerechnet für das Fundament keine Ruhe mehr. Man wollte mehr Wissen und hat schwächere Grundlagen bekommen. Ich behaupte nicht, das sei der einzige Grund — es zahlt sicher noch anderes darauf ein, kein solches Problem steht je allein. Aber dass das Vollstopfen einer der Gründe ist, davon bin ich überzeugt.
Der Preis, den man für das Ausweichen zahlt, ist hoch. Unter ständig steigendem Druck wird Lernen unattraktiv, weil es sich im Kopf des Kindes unbemerkt mit Zwang verknüpft. Man häuft Wissen an, das den einen nicht interessiert und das keiner zum Leben braucht — und verleidet ihm dabei das Lernen selbst. Eine Grundlage muss sein, das steht außer Frage. Aber die Entscheidung, ob es mehr sein soll, sollte man auch dem Kind zutrauen. Und man sollte nicht vergessen, dass das Leben mehr Lernfelder hat als die Schulbank. Sport, Spiel, der Umgang mit anderen — soziale Kompetenz wächst nicht im Klassenzimmer, und sie wächst auch nicht zu Hause über den Hausaufgaben, die ebenfalls immer mehr werden. Sie ist am Ende nicht weniger wert als der letzte Zusatzstoff, den man noch in den Plan gequetscht hat.
Wie nötig ein anderes Denken wäre, sieht man am deutlichsten am ewigen Hin und Her um G8 und G9 — mal soll das Abitur in acht Jahren gemacht werden, mal wieder in neun, und kaum hat sich ein Land entschieden, dreht es zurück. Ein Jahrgang badet die eine Entscheidung aus, der nächste die Rücknahme. Das ist politische Kurzatmigkeit in Reinform, festgemacht am Rücken der Kinder, die sich das am wenigsten aussuchen konnten. Und am Ende steht der Satz, den eigentlich niemand hören will: Ein Abitur ist eben nicht gleich ein Abitur. Wo es gemacht wurde, in welchem Land, in welchem Jahr, unter welcher gerade gültigen Regel — das entscheidet mit darüber, was es wert ist. Für ein Zeugnis, das über einen ganzen Lebensweg mitentscheidet, ist das ein unwürdiger Zustand.
Der Anker dahinter ist einfach. Wir sind ein rohstoffarmes Land. Wir haben kein Öl, kaum Erze, nichts, was wir aus dem Boden holen und verkaufen könnten. Was wir haben, sind die Köpfe. Bildung ist bei uns nicht ein Politikfeld unter vielen. Sie ist der einzige Rohstoff, den wir besitzen. Ein Land, das seinen einzigen Rohstoff dem Zufall des Wohnorts überlässt, verschwendet ihn.
Jetzt die ehrliche Stelle, denn hier wird es schwierig. Das rührt an die Bildungshoheit der Länder, und die ist ein Heiligtum. Jedes Land will über seine Schulen selbst bestimmen, und deshalb passiert genau das nicht. Man muss aber sehen, worin der Unterschied zum heutigen Zustand wirklich liegt. Das Gremium, in dem sich die Länder abstimmen, gibt es längst — die Kultusminister treffen sich, sie reden. Was fehlt, ist nicht der Tisch, an dem man sitzt. Was fehlt, ist die verbindliche Mehrheit. Heute kann jedes Land am Ende doch machen, was es will.
Und da liegt der Weg, der zur Demokratie passt, wie ich sie verstehe. Nicht der Bund verordnet den Ländern etwas von oben herab. Sondern die Länder binden sich selbst — durch einen Mehrheitsbeschluss, der dann für alle gilt, auch für die, die dagegen waren. Wer unterliegt, trägt mit. Das ist der Kern von Demokratie, und er gilt hier wie überall: Eine Mehrheit entscheidet, und die Unterlegenen akzeptieren das, statt jede Niederlage zum Verrat zu erklären. Kontrollierte Versuche einzelner Länder bleiben erlaubt — wer eine bessere Idee hat, darf sie ausprobieren. Aber was sich bewährt, wird gemeinsam übernommen, nicht als Insel gehütet.
Man muss sich das einmal vor Augen halten: Wir wollen in Europa zusammenwachsen, Abschlüsse über die Ländergrenzen hinweg anerkennen, uns annähern — und leisten uns im eigenen Land sechzehn getrennte Bildungswelten. Das passt nicht zusammen. Wer das große Zusammenwachsen will, kann das kleinteilige Gegeneinander der eigenen Länder immer schwerer rechtfertigen. Und die Reibung, die dabei wirklich schadet, ist nicht die zwischen den Kultusministern — die sollen ruhig miteinander ringen, dafür sitzen sie zusammen. Die schädliche Reibung ist die, die auf dem Rücken der Schüler ausgetragen wird: das Kind, das beim Umzug über eine Landesgrenze in einer anderen Welt landet, mit anderem Stoff, anderem Niveau, anderem Takt, und das dann aufholen oder sich langweilen muss, weil die Erwachsenen sich nicht einigen konnten.
Die Zumutung dabei ist echt, und sie trifft ausgerechnet die Starken. Auch das Land, das stolz auf seine guten Schulen ist, muss sich fügen und ein Stück Macht abgeben. Das tut weh, und deshalb wird es bekämpft werden. Aber es geht hier nicht um irgendein Land und seinen Stolz. Es geht um das Kind, das nichts dafür kann, wo es geboren wurde, und dessen Zeugnis am Ende überall gleich viel gelten sollte. Wenn wir den einzigen Rohstoff, den wir haben, ernst nehmen, dann fangen wir bei ihm an — bei der Schule, die überall dasselbe hohe Versprechen hält.
Die Kasse, die das Gesundsein nicht bezahlt
Bis hierher ging es nach außen — ums Haus, ums Land, um die Schule. Jetzt geht es nach innen, um den eigenen Körper. Und da erlebe ich seit Jahrzehnten etwas, das mich nicht mehr loslässt, weil es einen Denkfehler hat, der im ganzen System steckt.
Ich habe von Geburt an Neurodermitis. Eine Haut, die nicht von selbst tut, was gesunde Haut tut, und die Pflege braucht, damit sie ruhig bleibt. Und hier fängt das Seltsame an: Die Pflege, die mich gesund hält, zahlt die Kasse nicht — weil kein anerkannter Wirkstoff drin ist, obwohl sie wirkt. Was die Kasse dagegen zahlt, ist das, was hinterher kommt, wenn die Pflege fehlt: das Kortison, die Klinik, die Kur. Das Günstige, das mich gesund hält, verweigert sie. Das Teure, das später repariert, übernimmt sie. Das ist keine Kasse für Gesundheit. Das ist eine Kasse für Krankheit.
Wie sich das anfühlt, weiß ich noch von einem Skiurlaub, Jahre her. Herrliches Wetter, Sonne, klare Bergluft — für jeden anderen ein Traum, für meine Haut eine Belastung, weil die trockene Luft ihr entzieht, was ihr ohnehin fehlt. Solange ich von außen zuführe, was sie braucht, geht das gut. Damals war ich noch nicht so weit wie heute, auch beim Geld nicht, und die guten Mittel waren teuer und wurden nicht bezahlt, also hatte ich zu wenig dabei. Am vorletzten Tag gingen sie aus. Die Haut fing an zu spannen, ich habe versucht, mit einer normalen Creme aus der Drogerie nachzuhelfen. Für gesunde Haut ist die vielleicht schön. Bei mir half sie genau so lange, wie ich sie auftrug, und keine Minute länger. Auf der Heimfahrt wurde es richtig unangenehm. Die Haut im Gesicht riss auf, nur ganz fein und oberflächlich — wer sich schon einmal mit etwas sehr Scharfem, einer Klinge etwa, ganz leicht in die Fingerkuppe geschnitten hat, gerade so tief, dass es kaum blutet, aber bei jeder Bewegung und jeder Spannung der Haut zieht, der ahnt, wie das war, nur eben über das halbe Gesicht. Und das alles nur, weil ich zu wenig von dem dabeihatte, was die Kasse nicht bezahlt.
Es blieb nicht bei der Pflege. Meine erste Kur war schon ein Kunststück für sich. Für einen Schüler wäre eigentlich nur eine Mutter-Kind-Kur in Frage gekommen — dafür war ich mit achtzehn längst zu alt. Und die andere Art, die Kur zur Erhaltung der Arbeitskraft, die die Rentenversicherung trägt, war mir verschlossen, weil ich als Schüler ja noch gar nicht im Arbeitsleben stand. Zu alt für das eine, noch nicht drin im anderen, und dazwischen nichts. Der einzige Weg, der am Ende blieb, war eine Klinik im schweizerischen Davos. Eine deutsche Klinik auf Schweizer Boden, die gesetzlich als Klinik galt — und nur über diesen Status war der Aufenthalt für mich überhaupt möglich. Die Behandlung dort war dabei inhaltlich dieselbe wie die Kuren, die ich später ein paarmal ganz normal in Anspruch genommen habe. Bergklima statt Nordseeklima, sonst das Gleiche. Billig war Davos ganz bestimmt nicht. Wieder dasselbe Muster: Die naheliegende, günstige Form war für mich nicht vorgesehen, also führte der Weg über den teureren Status — und bezahlt wurde am Ende das Teure.
Das ist der Kern, und er ist größer als meine Haut. Unser System belohnt Krankheit, nicht Gesundheit. Der Arzt verdient am Behandeln, nicht am Gesunderhalten. Wer vorsorgt und deshalb gar nicht erst kommt, bringt nichts ein, muss aber vorgehalten werden. Das ist nicht die Schuld der Ärzte — die arbeiten in dem System, das sie vorfinden. Es ist der Anreiz, der falsch herum steht.
Man stelle es sich beim Fitnessstudio vor. Das Studio kalkuliert seinen Beitrag selbst und rechnet fest damit, dass viele Mitglieder gar nicht kommen — davon lebt es sogar. Beim Arzt ist es umgekehrt und zugleich verdreht: Er darf den Wert seiner Leistung nicht selbst festlegen, und er hat nichts davon, wenn ein Patient gesund bleibt und wegbleibt. Ihm wird eine Art Flatrate verordnet, die er nicht kalkulieren darf, und dann wundert man sich, dass am Ende der belohnt wird, der viele Kranke durchschleust, nicht der, der Menschen gesund hält.
Jetzt drehen wir den Anreiz um. Bezahlen wir den Hausarzt für die Menschen, für die er da ist — nicht pro Fall, den er durchschleust, sondern dafür, dass es seinen Leuten gut geht. Auf einmal lohnt sich das Gesunderhalten. Auf einmal lohnt es sich sogar, in einer Gegend zu arbeiten, in der wenig los ist, weil man ja für die Menschen bezahlt wird und nicht für die Menge der Behandlungen — und schon hilft das Gesundheitsthema, ganz nebenbei, das Landproblem lösen. Ich stelle mir einen Arzt vor, der nicht nur im Minutentakt Kranke abarbeitet, sondern auch mal im Bürgerhaus sitzt und den Leuten zeigt, wie sie gesund bleiben. Das klingt nach einer Kleinigkeit. Es ist eine andere Welt.
Und wenn wir so denken, folgt daraus etwas, das unbequem ist, aber ehrlich: Wenn am Ende alle zählen, dann müssen auch alle einzahlen. Eine Grundversorgung, gesetzlich, für jeden — und Privates nur als Zusatz obendrauf, nicht als eigene, bessere Welt daneben. Das schließt niemanden aus, auch die nicht, die heute eine Sonderstellung genießen, die Beamten mit ihrer Beihilfe so gut wie die Politiker mit ihren eigenen Regelungen. Wenn der Staat allen die Umstellung zumutet, muss er sie zuerst dort mittragen, wo er selbst die Verantwortung hat, bei seinen eigenen Leuten. Ja, die Beihilfe und die Fürsorgepflicht sind ein dicker Brocken, das wird schwer. Aber die Schwierigkeit ist kein Grund, eine Ausnahme zu machen. Sie ist der Beweis, dass man es ernst meint. Und das Ganze wäre ohnehin nichts, was man in einem Jahr beschließt — es ist ein Umbau über eine Generation, mit Zwischenschritten, kein Schalter, den man umlegt.
Selber machen, wenn man gelassen wird
Die Gesundheitskasse hat ein Geschwister, und das gehört gleich daneben. Denn gesund zu bleiben ist ja nicht nur Sache des Arztes. Das meiste davon macht der Mensch selbst — wenn man ihn lässt und ihm nicht dauernd über die Schulter schaut. Der Staat muss den Leuten nicht vorschreiben, wie sie zu leben haben. Aber er kann die Grundlage schaffen, auf der sie sich frei und vernünftig entscheiden können. Und je nachdem, wo das Problem liegt, sieht diese Grundlage anders aus. Ich sehe drei Fälle.
Der erste ist der, wo Wissen nichts mehr hilft. Niemand raucht, weil er nicht wüsste, dass es schadet. Es steht auf jeder Schachtel. Beim Alkohol ist es dasselbe. Hier bringt Aufklärung wenig, weil längst jeder aufgeklärt ist. Was hier wirkt, ist eine Abgabe — aber, und das ist der Punkt, eine Abgabe mit einer klaren Zweckbindung. Das Geld daraus fließt zurück in die Gesundheitsvorsorge, in die Behandlung der Schäden, die durch genau diese Dinge entstehen. Und daran zeigt sich auch, warum die vielgescholtene Zuckersteuer bisher so ein schiefes Ding ist. Nicht weil eine Abgabe auf Ungesundes grundsätzlich falsch wäre — sondern weil ihr die Zweckbindung fehlt. Ohne die ist sie einfach getarnte Haushaltspolitik, ein Griff in die Tasche, der sich einen gesunden Anstrich gibt. Mit der Zweckbindung würde sie ehrlich. Übrigens wäre das eine Abgabe, die dem Staat selbst unbequem ist — Finanzminister mögen zweckgebundenes Geld nicht, weil sie damit nicht frei schalten können. Genau das würde sie glaubwürdig machen.
Der zweite Fall ist der, wo die Information zwar da ist oder da sein könnte, aber nichts taugt. Da sind zwei verschiedene Dinge, die man auseinanderhalten muss. Das eine ist die einfache, verständliche Bewertung — eine Skala auf einen Blick, wie man sie vom Tierwohl-Label kennt, und wie es sie auch für Zucker und Fett geben soll. So etwas hilft im Vorbeigehen, ohne dass man Nährwerttabellen studieren muss. Nur: Solange es freiwillig ist, nutzt es nur der, dem es einen Vorteil bringt — wer schlecht abschneidet, lässt das Etikett eben weg. Deshalb wirkt so eine Bewertung erst, wenn sie für alle verpflichtend ist.
Das andere ist die genaue Aufschlüsselung, die lange Liste der Inhaltsstoffe. Die ist längst Pflicht, sie steht drauf. Aber sie steht oft in einer Schrift, die so winzig ist, dass man sie mit nicht mehr ganz jungen Augen nicht mehr entziffern kann — weil zu viel Text auf zu wenig Platz muss und die Hersteller ja auch eine verkaufbare Packung wollen. Das ist dann zwar erfüllte Pflicht, aber keine echte Information mehr.
Und genau da hilft die Technik, wenn man sie ernst nähme. Auf eine Packung passt eben nicht alles, was man wissen möchte, jedenfalls nicht groß und lesbar. Aber wir leben im Jahr, in dem jeder ein Telefon in der Tasche hat. Also machen wir die vollständigen Angaben zusätzlich elektronisch abrufbar, über eine einheitliche, standardisierte Datenbank — ein Code auf der Packung, und man sieht alles, groß, lesbar, so ausführlich, wie man will. Das kleine Gedruckte bleibt, wo es ist, aber wer mehr wissen will, kommt endlich ran. Für Medikamentenbeipackzettel wird genau so etwas längst überlegt, und da geht es um komplizierte pharmazeutische Angaben. Bei ein paar Lebensmittelzutaten kann es dann wohl kaum zu schwer sein. Wo das „geht nicht“ heißt, ist es meist ein „will nicht“.
Hier tut der Staat etwas anderes als bei der Abgabe, und der Unterschied ist wichtig. Bei Alkohol und Tabak lenkt er das Verhalten. Bei der Kennzeichnung tut er das gerade nicht. Er schreibt niemandem vor, was er essen soll. Er sorgt nur dafür, dass die Wahrheit auf der Packung steht — und abrufbar ist —, damit jeder selbst entscheiden kann, und zwar auf ehrlicher Grundlage. Das eine ist ein sanfter Schubs, das andere bloß die Bedingung dafür, dass eine freie Entscheidung überhaupt möglich ist.
Der dritte Fall ist mir der liebste, weil er am meisten mit Menschen zu tun hat. Es gibt Dinge, da müssen die Leute selbst aktiv werden — und das tun sie auch, wenn es die Orte dafür gibt. Ich weiß das, weil ich selbst so einer bin. Ich biete seit ein paar Jahren über eine Plattform, auf der sich Leute in kleinen Gruppen zu allem Möglichen verabreden, Lauftraining an, für Anfänger und leicht Fortgeschrittene, umsonst, ohne Verein. Im Sommer fahre ich dafür gern in ein großes Waldgebiet nach Mannheim, weil es bei mir am Rhein kaum Bäume gibt und Laufen in der prallen Hitze kein Vergnügen ist.
Bei einer dieser Fahrten habe ich in der Nähe eine Laufbahn entdeckt, eine Tartanbahn, in einem neuen Wohngebiet, das noch gar nicht fertig war. Frei nutzbar, ein paar Trimm-dich-Geräte drum herum, und sogar Beleuchtung bis in den späten Abend. Was mich beeindruckt hat, war nicht die Bahn selbst, sondern wer alles dort war. Läufer, einzeln und in kleinen geführten Grüppchen, ähnlich wie meine, ohne Verein, die sich einfach regelmäßig zum Sport trafen. Sportler, die sich kannten und an den Geräten trainierten. Und Mütter, die abends im Licht ihre Kinderwagen im Kreis schoben, einfach weil es hell und sicher war. Ein Ort, der ganz verschiedene Menschen zusammenbrachte, die sich sonst nie begegnet wären — und keiner hatte es ihnen vorgeschrieben. Sie kamen, weil er da war und weil er gut war.
Und dann fahre ich nach Hause und sehe, dass es auch anders geht. Bei mir im Ort gibt es einen ordentlich gepflegten Fußballplatz, im Nachbarort auch, und das ist gut so — auch der Fußballplatz ist so ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen. Nur läuft daneben die alte Laufbahn aus rotem Sand um den Sportplatz herum, und die ist von Regen und Nutzung so wellig und uneben geworden, dass man sie selbst im Trockenen nicht mehr gebrauchen kann. Dabei wäre es ein Leichtes, sie einmal geradezuziehen. Das Ergebnis wäre keine Tartanbahn, natürlich nicht. Aber darum geht es gar nicht. Es würde zeigen, dass man neben dem Fußball auch den anderen Sport mitmeint — den Läufer, den Einzelnen, die kleine Gruppe ohne Verein. Genau die Menschen, die ich auf der Bahn in Mannheim gesehen habe. Es ist nicht immer das Geld, an dem es hängt. Manchmal ist es nur die Frage, wen man alles mitdenkt.
Solche Orte sind mehr als Sport. Sie sind das, was eine Gemeinschaft überhaupt erst entstehen lässt und dann zusammenhält — der Ort, an dem man sich trifft, ohne es verabredet zu haben, an dem man Leute kennenlernt, die man sonst nie getroffen hätte. Der Fußballplatz gehört dazu, die Laufbahn, aber genauso der Laden, in dem man sich über den Weg läuft, die Kneipe, das Bürgerhaus, der Verein, der Spielplatz. Es sind die Stellen, an denen aus Nachbarn Bekannte werden.
Und damit sind wir wieder bei allem Vorherigen. Wer die Menschen zurück aufs Land holen will, dem reicht es nicht, Netz und Bahn zu legen. Ein Ort, an dem man arbeiten und wohnen, aber niemanden treffen kann, ist kein Ort zum Leben, sondern nur eine Adresse. Ein Dorf, aus dem die Jungen wegziehen, verliert nicht zuerst die Arbeitsplätze. Es verliert zuerst die Orte, an denen ein Leben stattfindet — und dann die Menschen. Wer es umkehren will, muss beides zurückbringen: die Arbeit und die Orte. Das eine trägt das andere.
Der billige Sprit, den keiner garantieren kann
Kommen wir zurück zu der Spritpreisbremse, mit der alles anfing. Sie ist das Musterbeispiel für die Geste, von der ich am Anfang sprach — ein paar Cent weniger an der Zapfsäule, für ein paar Monate, breit über alle gestreut, mit Milliarden bezahlt. Und danach ist alles wie vorher. Sie berührt die Ursache mit keinem Finger. Und die Ursache ist nicht der Preis. Es ist die Abhängigkeit. Wir hängen an fossiler Energie, die wir zum größten Teil aus fremden Ländern kaufen, und deren Preis wir überhaupt nicht in der Hand haben. Seit den siebziger Jahren ist das eine offene Flanke, und wir tun bis heute so, als ließe sie sich mit ein paar Cent Rabatt schließen.
Ich will an dieser Stelle den roten Faden gleich klarziehen, weil er mir wichtig ist. Mir geht es hier nicht um Klimaschutz. Über den kann man streiten, und das tun genug andere. Mir geht es um Unabhängigkeit. Und das ist ein Ziel, das eigentlich jeder teilen kann, egal aus welcher Ecke er kommt. Wer nicht mehr erpressbar ist, wer seinen Strom und seine Wärme selbst erzeugt, der ist freier — als Mensch und als Land. Das ist kein Thema für ein Lager. Das ist einfach vernünftig.
Ich weiß, wovon ich rede, denn ich schraube selbst. Meine Autos fahren seit anderthalb, fast zwei Jahrzehnten mit Autogas, mit LPG. Der Grund war, ehrlich gesagt, kein hoher. Es war das Geld. LPG kostet ungefähr die Hälfte von Benzin und schwankt im Preis auch noch deutlich weniger. Wer nicht frei von finanziellen Zwängen lebt, und das sind die wenigsten, der rechnet zuerst so. Dass es dabei auch für die Luft besser ist, war ein willkommener Zusatz, kein Antrieb — aber ein schöner. Etwas Gutes tun und dabei sparen, das tut nicht weh. Im Gegenteil.
Den Einbau überlässt man übrigens besser einer Fachwerkstatt, nicht nur wegen der Vorschriften, sondern weil man dabei Fehler machen kann, die den Motor ruinieren. Was ich selbst mache, sind die einfacheren Reparaturen — wobei das mit der zunehmenden Elektronik immer weniger wird, und ehrlich, inzwischen gönne ich mir nach Abwägung auch mal die Werkstatt, weil ich nicht mehr jeden Cent umdrehen muss. Aber das Dokumentieren, das ist geblieben. Das liegt ein bisschen in meinen Genen. Weil man bei Gas den Tank nicht so exakt füllen kann wie bei Benzin, habe ich mir über Jahre Datenreihen angelegt, um den echten Verbrauch zu kennen. Inzwischen schaue ich mit Hilfe des Computers sogar nach, ob eine bestimmte Reparatur den Verbrauch nachweislich verändert hat.
Und aus genau diesen eigenen Zahlen, nicht aus einer Studie, weiß ich etwas über das schnelle Fahren. Ab einer Geschwindigkeit von etwa 110 bis 130 steigt der Verbrauch spürbar an. Beim Motorrad, einer schweren Maschine, war es noch deutlicher — ob ich niedrig- oder hochtourig fuhr, machte kaum etwas aus, aber wenn ich längere Strecken mit 160 statt mit 120 oder 130 fuhr, ging der Verbrauch merklich nach oben. Das ist mein Erfahrungswert, kein Naturgesetz, aber er ist eindeutig.
Jetzt könnte man meinen, ich sei damit für ein Tempolimit. Bin ich nicht. Und das hat mit meiner Grundhaltung zu tun: Ich finde Regeln nur dann gut, wenn sich etwas anders nicht managen lässt. Beim Tempo lässt es sich managen, ganz von allein. Wer schnell fährt, braucht mehr Sprit, und den muss er bezahlen. Wer sein Leben so einrichtet und dabei glücklich ist, der soll es genießen — es hat auf mein Leben kaum Einfluss. Und die wenigen, die auf der Autobahn wirklich schnell fahren, richten mit dem Mehrverbrauch, wohlgemerkt nur mit dem Mehr gegenüber 130, verglichen mit vielem anderen wenig Schaden an. Dazu kommt, dass die freien Strecken ohne Baustelle und ohne Stau ohnehin immer weniger werden. Warum also etwas fordern, das so wenig bringt und dafür die Freiheit einschränkt? Der bessere Weg ist der andere: Ich zeige dem Menschen, was ihn das schnelle Fahren kostet, und lasse ihn dann selbst entscheiden. Mündigkeit statt Verbotsschild.
Und genau hier schließt sich der Kreis zur Spritpreisbremse vom Anfang. Denn der Preis, so unbeliebt er ist, tut ja etwas: Er steuert. Ein hoher Spritpreis bewegt die Menschen dazu, sparsamer zu fahren, weniger zu fahren, sich nach anderen Wegen und anderen Antrieben umzusehen — also genau in die Richtung, in die wir ohnehin wollen, weg von der Abhängigkeit. Die Spritpreisbremse macht ausgerechnet das kaputt. Sie senkt den Preis künstlich, nimmt den Anreiz zum Umsteuern wieder weg und schaltet damit den einzigen Hebel ab, der von selbst in die richtige Richtung drückt. Der Staat gibt also ein Vermögen aus, um seine eigene Steuerung lahmzulegen. Wirkungslos wäre schon schlimm genug — das ist sogar verkehrt herum.
Nun trifft ein hoher Preis natürlich auch den, der nicht ausweichen kann, den Pendler auf dem Land ohne Bus und Bahn, von dem ich erzählt habe. Aber die Antwort darauf ist eben nicht, den Preis für alle künstlich zu drücken. Die Antwort ist, den Menschen die Alternativen zu geben, damit sie der Steuerung überhaupt folgen können — die Bahn, das bezahlbare sparsame Auto, den Anschluss, die Ladesäule. Die Bremse gibt keine Alternative. Sie betäubt nur für ein paar Monate den Schmerz und lässt die Ursache, wie sie war.
Der Umbau auf Gas ist übrigens ein gutes Gleichnis für das Ganze. Er kostet erst einmal Geld, das man vorstrecken muss. Er zwingt zu einer gewissen Mäßigung, weil man den Motor nicht ständig hochjagen darf, ohne ihm zu schaden. Und er zahlt sich erst über die Jahre aus, mit jedem gefahrenen Kilometer ein Stück mehr. Genau wie der Hauskauf: eine selbst getragene Last, die am Ende einen Ertrag bringt. So sieht der Weg zur Unabhängigkeit meistens aus. Er ist nie umsonst, aber er lohnt sich.
Was für mein Auto gilt, gilt fürs ganze Land. Nehmen wir den Strom. Es gibt Tage, an denen wir mehr erzeugen, als wir gerade brauchen — dann wird abgeregelt, die Anlagen werden gedrosselt, der Strom wird im Grunde weggeworfen. Und wenig später, wenn wenig Wind weht und keine Sonne scheint, kaufen wir teuer Gas nach, um die Lücke zu füllen. Das ist, als würde man Wasser wegschütten und kurz darauf welches kaufen. Der naheliegende Gedanke ist, das, was im Überfluss da ist, aufzuheben, statt es wegzuwerfen — es zu speichern, in Batterien, als Wasserstoff, wie auch immer. Der Gedanke selbst ist so einfach, dass er stimmen muss: Erst speichern, was da ist, und dann erst über Zukäufe reden.
Und man muss dabei fair bleiben. Das Gas, das wir verbrennen, war ja als Absicherung für die dunkle, windstille Zeit gedacht, nicht als Gegner von Wind und Sonne. Es ist nicht das Böse. Es ist nur die alte Antwort — verbrennen, was man teuer einkauft —, während die neue Antwort schon bereitliegt: aufheben, was ohnehin im Überfluss da ist.
Und mit „bereitliegen“ meine ich das wörtlich. Es ist nicht so, dass niemand speichern wollte. Es liegen längst zahlreiche Anträge für große Batteriespeicher vor — sie werden nur nicht genutzt. Woran das im Einzelnen liegt, will ich hier gar nicht bewerten. Aber man kann etwas dagegen tun. Zum einen müssen die Leitungen her, die so einen Speicher überhaupt anbinden, verstärkt oder neu gebaut. Zum anderen braucht es Druck auf die Unternehmen, die unser Stromnetz betreiben — denn das haben wir ja aus der Hand gegeben, es liegt heute bei privaten, regulierten Betreibern. Dieser Druck darf ruhig eine Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche sein: Anreize für den, der vorankommt, und spürbare Konsequenzen für den, der bremst.
Und es geht nicht nur um die großen Speicher. Man könnte auch die Betriebe dazu bringen, sich selbst größere Puffer zuzulegen — mit wirtschaftlichen Anreizen oder einfach dadurch, dass man ihnen den bürokratischen Weg dahin ebnet. Das entlastet gleich doppelt: Es senkt die Last im Netz, weil der Betrieb sich zu Spitzenzeiten aus dem eigenen Puffer bedient statt aus dem Netz, und es senkt am Ende die Kosten des Betriebs selbst, sogar ohne jede Subvention. Moderne Betriebe sind ohnehin gut ans Netz angebunden — man müsste diesen Hebel nur nutzen.
Aber Speichern ist nur die eine Hälfte. Die andere ist der Transport. Der Wind weht im Norden, gebraucht wird der Strom im Süden, und dazwischen muss er durch eine Leitung. Die große Nord-Süd-Trasse ist das bekannteste Beispiel dafür, wie so etwas jahrelang liegen bleibt, weil an jeder Ecke geklagt und verzögert wird — und solange die Leitung fehlt, wird oben abgeregelt und unten Gas verbrannt. Was fehlt, sind diese großen Verbindungen genauso wie die kleinen: die Ortsnetze, die Kapazität in den Städten, die kurzen Wege zu den Speichern. Und Ladesäulen, an denen man das Auto günstig laden kann. Das kostet, keine Frage. Aber es ist wieder die Vorleistung, die sich über eine Generation auszahlt.
Und genau darin liegt der eigentliche Sinn des großen Sondervermögens, das man sich für die Infrastruktur vorgenommen hat — für Schiene, Straße, Bildung, Energie. Das Wort dahinter ist Investition, und eine Investition ist nichts anderes als das, wovon ich die ganze Zeit rede: eine Vorleistung, die sich irgendwann auszahlen soll. So verstanden ist auch Geld auf Kredit tragfähig begründet, solange es wirklich zusätzlich in diese Grundlagen fließt und nicht anderswo versickert. Es war ja ausdrücklich als etwas Zusätzliches gedacht. Nur an diesem Zweck entscheidet sich, ob es seinen Namen verdient — aber das ist eine Rechnung, die woanders aufgemacht werden muss.
So viel zum Bauen und Bezahlen der Infrastruktur. Aber selbst wenn die Netze und Speicher stünden, bliebe noch ein Widerspruch, der mich stört — diesmal nicht beim Bauen, sondern bei den Regeln, nach denen wir den Strom verteilen und bezahlen. Beim Verbrauch schalten wir alles gleich — jeder zahlt ungefähr denselben Strompreis, egal, woher der Strom kommt und egal, was sein Land für die Erzeugung tut. Aber beim Ausbau der Erzeugung, nah am Verbraucher, lassen wir den Ländern ihre Blockadehaltung durchgehen. Das eine oder das andere, beides zusammen geht nicht. Entweder gleiche Regeln für alle — dann muss auch jedes Land seinen Teil zur Erzeugung beitragen. Oder echter Wettbewerb, der sich dann aber auch im Preis zeigen muss. Ein Land, das viel erneuerbare Energie erzeugt, zahlt weniger. Ein Land, das seine Landschaft lieber unberührt lässt, zahlt mehr. Beides ist eine legitime Entscheidung — aber alles hat seinen Preis, auch die Freiheit, sich gegen die Windräder zu entscheiden. Genau wie an der Tankstelle: Wer mehr verbraucht, zahlt mehr. Das ist keine Strafe. Es ist nur die Wahrheit, sichtbar gemacht.
Jetzt wird man einwenden, ein solcher Preisunterschied könnte schwächere Regionen treffen. Der Einwand stimmt — aber er führt nicht zurück zum gleichen Preis für alle. Denn für den Ausgleich zwischen starken und schwachen Ländern haben wir längst ein Werkzeug, den Länderfinanzausgleich, und wenn der nicht reicht, kann man gezielte Fördertöpfe schaffen. Was man nicht tun sollte, ist, den Strompreis heimlich zu dieser zweiten Aufgabe zu zwingen. Denn dann bildet er nicht mehr ab, was er abbilden soll — wer zur Erzeugung beiträgt und wer nicht —, sondern trägt verdeckt eine Regionalpolitik mit, die niemand mehr sieht. Und das ist ein Muster, das mir noch öfter begegnen wird in diesem Text: falsch bezeichnete Kostenstellen. Jeder Topf soll das tun, wofür er da ist, offen und benannt, und nicht nebenbei etwas anderes verschleiern. Der jetzige Zustand — gleicher Preis für alle und Blockade für manche — ist das Schlechteste von beidem.
Und das führt zu einem Satz, der für vieles in diesem Text gilt: Der Staat hat Gestaltungsspielräume. Er nutzt sie nur oft nicht, weil er die Konsequenzen nicht mag.
Ein weiterer Punkt, der oft falsch erzählt wird, gehört noch dazu. Wenn heute viele Menschen einfache, günstige Autos aus China kaufen, dann nicht, weil sie den Hersteller besonders mögen, sondern weil sie für einen Bruchteil des Preises ein Auto bekommen, das ihren Zweck erfüllt. Das ist keine Schande für den Käufer. Es ist ein Spiegel, den unsere eigene Industrie sich vorhalten sollte. Man baut an den Menschen vorbei, wenn man nur noch groß, schwer und teuer denkt. Und hier hat der Staat wieder einen Hebel, den er kaum nutzt: Er könnte über seine Förderung gezielt das Kleine, Bezahlbare, Sparsame stärken, statt weiter das Gegenteil zu tun — und damit einen Markt am Leben halten, den unsere Industrie gerade selbst aufgibt. Denn wenn wir das Günstige den anderen überlassen, verlieren wir am Ende nicht nur den Käufer, sondern auch die Fähigkeit, es überhaupt noch zu bauen.
Was uns zum Dienstwagen bringt, und da will ich vom Ziel her denken, sonst ergibt es keinen Sinn. Zunächst, damit man mir nicht Ungenauigkeit vorwirft: Der Firmenwagen wird nicht mit Geld gefördert, sondern über eine Pauschale im Steuerrecht. Wer ihn privat fährt, versteuert diesen Vorteil, aber nicht nach echtem Fahrtenbuch, sondern über eine vereinfachte Faustregel. Das Ergebnis ist trotzdem eine Begünstigung, ein handfester Vorteil — und die nenne ich hier der Einfachheit halber Subvention, ganz gleich, wie das Steuerrecht sie einordnet.
Und diese Begünstigung ist im Ansatz schon richtig gedacht, nur nicht zu Ende. Der Vorteil bemisst sich am Listenpreis: Beim Verbrenner wird jeden Monat ein Prozent davon zum Gehalt gerechnet und versteuert, beim Elektroauto nur ein Viertel Prozent, und bei den ganz teuren Stromern über hunderttausend Euro immerhin ein halbes. Man erkennt die richtige Idee darin — das Elektroauto wird bevorzugt, und beim teuren wird der Vorteil schon etwas gedämpft. Aber die Dämpfung ist halbherzig. Auch der sehr teure Wagen behält noch einen ordentlichen Vorteil, und nach oben fehlt jede Grenze. Wer einen Stromer für weit über hunderttausend Euro als Dienstwagen fährt, wird immer noch spürbar begünstigt.
Man müsste die Logik nur konsequent weiterdenken. Den vollen Vorteil für das günstige, sparsame Auto, einen kleineren für das mittlere, und ab einer bestimmten Preisgrenze gar keinen mehr. Man könnte es etwa so staffeln: bis fünfzigtausend Euro der beste Satz, darüber bis fünfundsiebzig ein geringerer, und darüber nichts — über die genauen Zahlen lässt sich streiten, mir geht es ums Prinzip. Das Ziel bleibt: Dienstwagen ja, wo er nötig und sinnvoll ist, aber zielgerichtet elektrisch und nur so groß wie praktisch gebraucht. Es verbietet niemandem den großen Wagen. Wer ihn will, soll ihn fahren — dann eben ohne die Begünstigung. Das ist der Gestaltungsspielraum, von dem ich sprach: Der Staat könnte das Kleine und Sparsame stärker belohnen als das Große. Er tut es nur halbherzig.
Und noch einen Schritt weiter, unabhängig von Antrieb und Größe. Ein Dienstwagen, den man privat fährt, ist im Grunde ein Stück Lohn. Also sollte man ihn auch wie Lohn behandeln. Ich sage nicht, dass er gar nicht versteuert würde, das stimmt nicht — ich sage, die Pauschale setzt den privaten Vorteil zu niedrig an. Interessant ist dabei, dass oft sogar der Sprit oder der Ladestrom als Firmenkosten mit drinsteckt, der private Verbrauch also gleich doppelt begünstigt wird. Wenn ein erheblicher Teil der Neuwagen über die Firma läuft und dort das Große bevorzugt bleibt, dann verkümmert der Markt für den kleinen, sparsamen Wagen — genau den, den die Vernunft eigentlich bräuchte. Und ganz nebenbei: Wer den privat gefahrenen Firmenwagen ehrlich wie Lohn behandelt, macht für manchen auch den ÖPNV wieder zur echten Alternative, der gerade in den Ballungsräumen oft leicht zu nutzen wäre.
All das zusammen bedeutet auch eine Zumutung, und die will ich ehrlich nennen. Das Dienstwagenprivileg, wie es heute ist, fiele weg. Die Industrie müsste bezahlbar bauen, statt an jedem Auto das Höchste herauszuholen. Und wir alle müssten uns von einer Illusion verabschieden: dass es irgendwo einen garantiert billigen Sprit gibt. Den kann der Staat nämlich nicht garantieren. Was er kann, ist uns Schritt für Schritt unabhängiger machen von dem, dessen Preis wir nie in der Hand haben werden.
Die Fachkraft, die schon da ist
Über Zuwanderung wird viel gestritten, und das meiste davon lasse ich hier weg. Wer an die Grenze kommt, wer bleiben darf, wie man das steuert — das ist eine eigene, schwierige Frage, und ich habe dazu an anderer Stelle ausführlich geschrieben. Hier geht es um etwas anderes, um die, die schon da sind und bleiben werden. Denn an denen entscheidet sich mehr, als die laute Debatte wahrhaben will.
Fangen wir mit einer nüchternen Feststellung an, ganz ohne Moral. Wir werden älter, und wir werden weniger. Wenn wir nicht wollen, dass unser ganzes System — die Rente, die Pflege, die Wirtschaft — unter dieser Last einbricht, dann brauchen wir junge Menschen, die hier leben und arbeiten. Das ist keine Frage der Gesinnung, das ist eine Frage des Überlebens. Und jetzt kommt der Punkt, der oft übersehen wird: Wir müssen diese Menschen nicht als fertige Fachkräfte importieren. Viele von ihnen sind längst hier. Wir haben es in der Hand, aus denen, die bleiben, die Fachkräfte zu machen, die das Land dringend braucht. Wir nutzen nur nicht, was schon da ist.
Und der erste Schlüssel dazu ist die Sprache. Ohne sie gibt es keine Teilhabe, an gar nichts. Das Kind kommt im Unterricht nicht mit und wird nie eine Fachkraft. Der Erwachsene findet keinen ordentlichen Job und keinen Anschluss an die Gesellschaft — und damit meine ich nicht irgendeine ideologische Vorstellung von „deutsch“, sondern schlicht die Menschen, die hier leben und diesen Pass haben. Wer die Sprache nicht kann, steht draußen, egal wie sehr er dazugehören will.
Also müssen wir die Sprache lehren, gründlich, und der Staat muss das bezahlen. Das ist keine verlorene Ausgabe, das ist eine Investition, die sich mehrfach zurückzahlt. Und sie muss früh beginnen, nach ein, zwei, drei Monaten, und zwar unabhängig davon, ob über das Bleiben schon entschieden ist. Das klingt zunächst verkehrt — warum in jemanden investieren, der vielleicht wieder gehen muss? Aber die Rechnung geht genau andersherum auf. Wartet man, bis der Status geklärt ist, und das dauert oft Jahre, dann verliert man genau diese Jahre bei denen, die am Ende bleiben. Die verlorene Investition in einen später Abgelehnten ist der kleinere Schaden. Der größere ist die lange Zeit, in der man bei den Bleibenden nichts getan hat und so erst den sprachlosen, abgehängten Menschen heranwachsen lässt, den wir eigentlich vermeiden wollen. Und ganz nebenbei zeigt sich am frühen Mitmachen auch, wer wirklich mitarbeiten will.
Aber — und da bin ich ganz klar — ein Angebot allein reicht nicht. Wer hier dauerhaft oder für längere Zeit unterkommen will, der muss auch mitmachen. Ein Staat, der in Vorleistung geht und den Unterricht bezahlt, darf im Gegenzug die Teilnahme verlangen. Ein leistungswilliger Staat darf fordern.
Wichtig ist mir dabei eine Unterscheidung, die über Fairness und Härte entscheidet. Die Pflicht bezieht sich auf die Teilnahme, nicht auf das Ergebnis. Wer hingeht und sich müht und trotzdem langsam vorankommt — weil er alt ist, kaum Schulbildung hat, vielleicht traumatisiert ist —, den trifft keine Strafe. Er tut ja, was in seiner Macht steht. Wer aber gar nicht erscheint, wer den Kurs blockiert, wer sich schlicht verweigert, der schon. Sanktioniert wird die Verweigerung, nicht das Versagen. Und „Verweigerung“ macht man an dem fest, was man sehen kann — dreimal unentschuldigt gefehlt ist sichtbar —, nicht an einer Vermutung über die innere Haltung.
Jetzt höre ich schon den Einwand: Sprache lernen kostet Zeit, in der die Leute doch arbeiten könnten. Aber schauen wir genau hin. Wie viele Menschen, die neu hier sind, stehen in den ersten Jahren ohne Sprache in einem ordentlichen Job? Kaum jemand. Ohne Sprache bleiben nur die wenigen Tätigkeiten, für die man keine braucht — und genau dort werden sie zur billigen, ungelernten Kraft, die man hält, weil sie keine Alternative hat. Der scheinbar schnelle Weg in die Arbeit ist in Wahrheit die Falle. Zwei halbe Tage auf der Schulbank, dafür ein bisschen Unterstützung vom Staat, ist die bessere Rechnung als ein ganzes Arbeitsleben in der Sackgasse. Die Sprache ist nicht die Bremse vor der Arbeit. Sie ist der Schutz davor, ausgenutzt zu werden.
Und wie dieses Ausnutzen aussieht, sehe ich in meinem eigenen Gewerbe, der Sicherheit. Ich kenne Kollegen aus Subunternehmen, bei denen schon die Verständigung an der Sprache scheitert — im Tagdienst mit Kundenkontakt wären sie undenkbar. Für einfache Tätigkeiten reicht ja eine kurze Unterrichtung ohne Prüfung; ob bei jemandem, der die Sprache kaum spricht, überhaupt etwas davon ankommt, fragt niemand. Aber das ist nur die eine Seite.
Die andere, das eigentliche Unrecht, ist kein Problem meiner Branche allein — es ist überall dort dasselbe, wo viele schlecht organisierte Kräfte unter Druck arbeiten. Umgeworfene Dienstpläne, Zuschläge, die gekürzt werden oder ganz ausbleiben, und wer sich beschwert, fliegt. Ausgenutzt wird dabei nicht der Faule, von dem in der Debatte so gern die Rede ist. Ausgenutzt wird der Willige — der Mensch, der arbeiten und dazugehören möchte und dem gerade deshalb, weil ihm Sprache und Alternative fehlen, übel mitgespielt wird. Das ist das Bittere daran. Nicht dass jemand nicht will. Sondern dass wir den, der will, nicht lassen.
Man muss dafür gar nicht weit schauen. Die Berichte über die Reinigungskräfte in den Hotels etwa, die nach Zimmer bezahlt werden, in einer Vorgabezeit, die niemand ehrlich schaffen kann, zeigen dasselbe Muster. Oder die Unterkünfte, in denen im Schichtbetrieb dasselbe Bett doppelt vermietet wird, zu unverschämten Preisen, weil der eine schläft, während der andere arbeitet. Das sind die Spitzen, gewiss. Aber es sind mehr als Einzelfälle.
Dagegen hilft am Ende nur das eine: die Menschen aus der Abhängigkeit herausholen, indem man sie befähigt. Und das gilt in zwei Richtungen. Die eine ist das Kind, das in einer Familie aufwächst, in der kein Deutsch gesprochen wird, und das manchmal auch von den deutschsprachigen Gruppen ferngehalten wird. Hier hilft, was ich im Kapitel davor beschrieben habe — die Orte, an denen Menschen sich begegnen, der Sportplatz, der Verein. Sie holen das Kind aus der Isolation, in die es sonst gerät. Wer die Sprache und den Anschluss findet, kann durchs Bildungssystem gehen und eine Fachkraft werden. Wer beides nicht findet, ist von Anfang an abgehängt.
Die andere Richtung ist die fertige Fachkraft aus dem Ausland, die schon eine Ausbildung mitbringt — und dann jahrelang auf die Anerkennung ihrer Zeugnisse wartet. Ich verstehe, dass der Staat die eigene Ausbildung nicht entwerten will, das ist richtig. Aber neben der Prüfung der Papiere könnte er auch den praktischen Weg gehen: ein Praktikum in dem Bereich, in dem jemand einen hohen Nachweis seiner Eignung erbringen muss, mit der Möglichkeit, Fehlendes nachzuholen — und, sobald die Sprache reicht, eine richtige deutsche Prüfung abzulegen, statt nur endlos auf eine vergleichende Bestätigung zu warten. Solche Wege gibt es schon in Ansätzen. Sie sind nur zu langsam, zu eng, zu bürokratisch. Man müsste sie bloß verlässlich und breit machen.
Man muss dafür nur ehrlich anschauen, was herauskommt, wenn wir es eben nicht tun — und das ist der Zustand, den wir heute vielerorts haben. Menschen, die seit Jahren hier sind, ohne die Sprache, ohne Arbeit, ohne Aussicht, und die von Unterstützung leben. Es ist verlockend, darin nur ihr eigenes Versagen zu sehen. Aber das greift zu kurz. Wer nie ein ernsthaftes Sprachangebot bekommen hat, wessen Zeugnisse jahrelang in der Prüfung feststecken, wer in die Ausbeutung abgedrängt wurde, statt durch gezielte Förderung sein volles Können zu entfalten — und zwar zu unser aller Nutzen —, bei dem ist der Zustand auch das Ergebnis dessen, was wir versäumt haben. Wir werfen den Menschen dann vor, was wir selbst mitverursacht haben. Und genau das ist der Punkt: Wir haben es zu einem guten Teil selbst in der Hand, wie der Lebensweg dieser Menschen bei uns verläuft. Der Sozialhilfeempfänger ohne Perspektive ist kein Naturereignis. Er ist eine vergeudete Fachkraft — vergeudet nicht zuletzt durch uns.
Und wenn wir schon vom Arbeitsmarkt reden, dann gehört noch eines dazu, das man sauber vom Asyl trennen muss. Es sind zwei verschiedene Dinge. Das eine ist die Frage, wer bei uns Schutz sucht — darüber habe ich hier bewusst nicht gesprochen. Das andere ist die Frage, wer zu uns kommt, um zu arbeiten, weil wir ihn brauchen. Für diese Zweiten sollte es einen geordneten, geregelten Weg geben — eine offene Vordertür für Arbeit, mit klaren Bedingungen, statt dass sich alles durch die Hintertür des Asyls drängt. Ein Land, das Fachkräfte braucht, sollte ihnen einen ehrlichen Weg anbieten, zu kommen. Das entlastet am Ende beide Seiten: den Arbeitsmarkt, der die Menschen bekommt, und das Asylsystem, das dann wieder das tun kann, wofür es da ist.
Und wenn das alles greift, dann schließt sich der Kreis auf die schönste Art. Wer die Sprache lernt und im Beruf Fuß fasst, der kann sich mit dieser Leistung um einen regulären Aufenthalt bewerben — raus aus dem unsicheren Status, hinein in einen, der auf Arbeit und Können beruht. Damit erledigt sich auch der Einwand, ob sich die Mühe lohnt, wenn jemand vielleicht wieder gehen muss. Denn die Sprache und das Können nimmt er ohnehin mit, wohin auch immer. Verloren ist nur das eine: die Nicht-Integration. Wer bleibt, soll dazugehören — und ob er bleibt, entscheidet sich oft erst nach Jahren, in denen er sich das Bleiben erarbeitet hat. Auch das ist wieder eine selbst getragene Last mit Ertrag, wie der Hauskauf, wie der Umbau am Auto. Nur ist der Ertrag hier der festeste, den es gibt: ein sicherer Platz in einem Land, das einen braucht.
Die Rente und das gleiche Maß
Die Rente ist eine Leistung, die ein Arbeitsleben absichern soll. Und wenn ich mir anschaue, wie wir sie gebaut haben, dann fällt mir eines auf: Wir behandeln nicht alle gleich. Es gibt getrennte Welten — der Arbeitnehmer hier, der Beamte dort, der Selbstständige irgendwo dazwischen oder außen vor, der Politiker in seiner eigenen Ecke. Dabei ist die Leistung, die jeder für das Land erbringt, im Kern gleichwertig. Ob einer als Selbstständiger Arbeitsplätze schafft, als Beamter das System am Laufen hält oder als Angestellter dem Selbstständigen zur Seite steht — es braucht sie alle. Ich sehe keinen guten Grund, warum die staatlich organisierte Alterssicherung für den einen anders gebaut sein soll als für den anderen. Ein System für alle, das wäre der ehrliche Zustand. Wer darüber hinaus privat vorsorgen will, soll das selbstverständlich dürfen. Aber das Fundament sollte für alle dasselbe sein.
Ich sage das übrigens nicht aus eigenem Vorteil, im Gegenteil. Bei mir reicht es nicht einmal für die vielbeschworene abschlagsfreie Rente nach fünfundvierzig Jahren. Dabei habe ich früh angefangen — nur zählt der Nebenjob, den ich mit fünfzehn neben der Schule hatte, nicht, weil es die Rentenregelung dafür um 1980 schlicht noch nicht gab. Und dann fehlen mir zwei, drei Jahre aus der Zeit, in der ich versucht habe, mich selbstständig zu machen. Denn als Selbstständiger gab es keine Pflicht, in die Rente einzuzahlen, und in dieser knappen Phase, in der jeder Euro gebraucht wurde, tat man es eben nicht.
Genau daraus ist bei mir eine Überzeugung gewachsen: Es sollte diese Pflicht geben, auch für Selbstständige. Gerne in den ersten ein, zwei Jahren der Höhe nach gestaffelt, damit sie eine junge Gründung nicht erdrückt — aber grundsätzlich schon. Ich weiß, dass mancher darin einen Eingriff in seine Selbstbestimmung sieht. Nur hält dieses Argument bei näherem Hinsehen nicht. Wer sich die Freiheit nimmt, nicht vorzusorgen, beansprucht etwas, das der Arbeitnehmer nie hatte — dem wird die Rente selbstverständlich abgezogen, ohne dass ihn jemand fragt. Und, was schwerer wiegt: Diese Freiheit ist am Ende gar keine echte, weil nicht der Selbstständige sie bezahlt, sondern wir alle. Wer im Alter nichts hat, weil er nichts eingezahlt hat, der fällt in die Sozialleistung — und die tragen genau die, die brav eingezahlt haben. Er hat von der Verweigerung profitiert und wird anschließend Nutznießer dessen, was er verweigert hat. Das ist keine Selbstbestimmung. Das ist, das eigene Risiko auf die Schultern der anderen zu legen.
Damit sind wir bei der Regel, um die gerade so gestritten wird — der abschlagsfreien Rente nach fünfundvierzig Beitragsjahren. Im Moment will man sie ersatzlos streichen. Und das ist ein Musterbeispiel für den groben Schnitt statt des Augenmaßes. Nehmen wir jemanden, der mit achtzehn eine Lehre begonnen hat und seitdem durcharbeitet, oft in einem körperlich harten Beruf. Der hätte seine fünfundvierzig Jahre mit dreiundsechzig zusammen. Streicht man die Regel, muss er plötzlich bis siebenundsechzig arbeiten — vier Jahre länger, obwohl gerade er, der früh angefangene, körperlich geforderte Mensch, statistisch nicht die längste Zeit im Ruhestand vor sich hat. Und es wird mit der Zeit sogar schlimmer. Denn das Renteneintrittsalter soll ja weiter steigen. Genau der Sinn der Regel war, dass nach einem sehr langen Arbeitsleben Schluss sein darf, ganz gleich, wie hoch die allgemeine Grenze gerade steht. Ohne sie schuftet ausgerechnet der am längsten weiter, dessen Körper nach fünfzig Jahren auf dem Bau, an der Maschine, in der Pflege am wenigsten dafür gemacht ist. Je höher die Grenze klettert, desto länger trifft es genau ihn.
Es ginge auch maßvoll. Wenn man die Regelaltersgrenze anhebt, sagen wir von siebenundsechzig auf achtundsechzig, dann lässt man die Schwelle einfach mitwandern — von fünfundvierzig auf sechsundvierzig Jahre. Unser Beispielmensch ginge dann mit vierundsechzig statt mit dreiundsechzig, ein Jahr später, im gleichen Schritt wie alle anderen. Der Schutz für das lange Arbeitsleben bliebe erhalten, die Regel altert einfach mit dem System mit. Das ist der Unterschied zwischen Streichen und Anpassen. Das eine kippt ein ganzes Instrument, um eine Zahl zu sparen, und trifft die Falschen. Das andere behält es und hält es lebendig. Man muss eine gute Regel nicht abschaffen, nur weil die Zeit sich ändert. Man muss sie mit der Zeit gehen lassen.
Ich will nicht so tun, als wäre das alles einfach. Der schwierigste Teil kommt zum Schluss, und ich habe dafür keine fertige Lösung — das ehrlich zu sagen, gehört dazu. Aber vor dem Schwierigen steht das, was leicht wäre und trotzdem nicht geschieht: der erste Schritt. Und den sollten die tun, die hier entscheiden — die Politiker. Sie haben, neben manchen Selbstständigen, mit die höchsten Bezüge, und sie erwerben schon nach wenigen Jahren eine Altersversorgung, die ein normaler Arbeitnehmer in einem ganzen Arbeitsleben kaum plausibel zusammenbekommt. Wer aber öffentlich beschwört, wie wichtig und wie tragfähig die Rente sei, und dabei selbst in einer vergleichsweise goldenen Sonderregel sitzt, die von der beklagten Entwicklung gar nicht berührt wird — dem glaubt niemand. Man kann nicht die Last predigen, die man selbst nicht trägt. Also gehen die Abgeordneten voran, schnell, und treten in dasselbe Rentensystem ein wie alle anderen.
Das ist nicht nur eine Frage der Glaubwürdigkeit, so wichtig die ist. Es setzt auch den richtigen Anreiz. Solange die Politiker in ihrer eigenen, gut gepolsterten Welt sitzen, spüren sie vom Zustand der normalen Rente nichts. Sie können sie schleifen lassen, ohne dass es sie selbst trifft. Holt man sie aber in dasselbe System, dann hängt ihre eigene Alterssicherung plötzlich an genau der Rente, über die sie beschließen. Und auf einmal haben sie das stärkste Motiv, das es gibt, sie tragfähig und auskömmlich zu halten: Sie werden selbst davon leben. Wer die Folgen seiner Entscheidungen am eigenen Leib spürt, entscheidet anders.
Der schwierige Teil kommt danach. Wenn man wirklich alle in ein System holt, dann stellt sich die Frage des Übergangs, vor allem bei den Beamten. Der Staat hat sich über Jahrzehnte die Rentenbeiträge für seine Beamten gespart und ihre Pensionen direkt aus dem Haushalt bezahlt. Das sah lange nach einem Vorteil aus. In Wahrheit war es eine aufgeschobene Last, die ihm irgendwann auf die Füße fällt — wieder dieselbe Kurzsichtigkeit, schnell sparen statt langsam solide finanzieren. Und dann sind da die unterschiedlichen Leistungshöhen, die bestehen und die man beim Umbau als erworbenen Besitzstand achten muss. Das Ganze ist tief im Rechtssystem verankert und mit erheblichen wirtschaftlichen Zwängen verbunden — es ist der härteste Brocken der ganzen Sache, und ich behaupte nicht, ihn lösen zu können. Wichtig ist mir nur eines: Der einzelne Beamte hat dieses System nicht geschaffen. Man darf ihm nicht die Rechnung für einen Konstruktionsfehler präsentieren, an dem er keine Schuld trägt. Bewegung muss hinein, ja — aber mit Bedacht und ohne den Einzelnen zum Sündenbock zu machen.
Aber die Richtung steht: ein System für alle, der Besitzstand gewahrt, die Politiker als sichtbarer Anfang, weil der Staat sich die Umstellung zuerst dort zumutet, wo die Regeln gemacht werden. Und das Ganze über eine Generation, in Schritten, kein Schalter, den man umlegt. Wer heute anfängt, wird die Früchte nicht mehr selbst ernten — das ist das Unbequeme daran, und genau deshalb bleibt es liegen. Aber irgendwann muss einer den ersten Spatenstich tun für einen Baum, in dessen Schatten er nie sitzen wird. Bei der Rente ist dieser Moment längst überfällig.
Der Staat, der die Last am falschen Ende trägt
Bisher ging es darum, was der Staat tun sollte. Jetzt geht es darum, wie er arbeitet — und da zieht sich ein Muster durch, das mich als jemanden, der beruflich mit Computern und Netzwerken zu tun hat, besonders wurmt. Der Staat legt Last und Verantwortung immer wieder an die falsche Stelle. Er belastet den, der sichtbar und greifbar ist, und lässt den laufen, der sich entzieht. Er erschwert sich die eigene Arbeit aus Prinzip. Und er digitalisiert die Oberfläche, während darunter alles beim Alten bleibt.
Ich fange bei mir an, denn ich betreibe selbst einen Blog, und ich würde dort gern diskutieren lassen. Nur hafte ich für das, was andere in die Kommentare schreiben. Bleibt ein extremer, vielleicht strafbarer Kommentar zu lange stehen, weil ich nicht rund um die Uhr davorsitze, dann bin ich es, der belangt werden kann. Der Betreiber, der sichtbar ist und einen Namen hat. Der eigentliche Verfasser dagegen, der anonym auftritt, bleibt meist unbehelligt, und die großen Plattformen, auf denen solche Kommentare erst richtig blühen, entziehen sich der Verantwortung fast ganz. Ich sage nicht, man solle die Verfasser härter jagen — bei den anonymen läuft das oft ohnehin ins Leere. Ich sage, man soll die Last nicht dem aufladen, der am wenigsten dafür kann. Und der Schaden, den solche Kommentare in einer Demokratie anrichten, lässt sich ohnehin nicht in Geld aufwiegen. Es ist wieder die Verhältnisfrage: Wer trägt, und steht das im Verhältnis zu dem, was er ausrichten kann?
Dasselbe Muster habe ich als Betrogener erlebt. In der Coronazeit hat mich ein Internetbetrug achthundert Euro gekostet — eine bekannte Masche, bei der jemand sein deutsches Konto für fremde Überweisungen hergibt, oft ahnungslos, als vermeintlicher Nebenjob. Zwei Tage nach der Überweisung stand ich mit allen Unterlagen in der Hand bei der Polizei in Worms. Man wies mich ab: nur noch digital. Ob ich das überhaupt kann, fragte niemand. Also schilderte ich den Fall digital von zu Hause — nur konnte man dort damals keine Dokumente anhängen. Ich musste zwei Tage auf eine Rückfrage warten, um meine Belege überhaupt nachreichen zu können. Dann passierte sechs, sieben Wochen nichts, dann kam ein Brief, der Fall sei wegen der Zuständigkeit nach Berlin abgegeben worden. Dann wieder monatelang nichts, bis aus Berlin die kurze Nachricht kam, der Kontoinhaber sei nicht zu finden, ob ich noch Hinweise hätte.
Was mich daran ärgert, ist nicht das Pech. Es ist das Tempo. So ein Konto wird ja über mehrere Tage für mehrere Fälle benutzt. Der naheliegende Gedanke eines Betroffenen ist: Hätte man nach einer ersten Prüfung nicht rasch den Betrag auf dem Konto einfrieren können, bevor er weitergeleitet wird? Über Wochen funktioniert das natürlich nicht — die Täter sind ja nicht dumm, die räumen ab und sind weg, lange bevor die Mühle anläuft. Und genau hier liegt die eigentliche Lehre. Mein Fall ist nicht daran gescheitert, dass zu wenig Daten gespeichert waren. Er ist an der Langsamkeit und der Zerstückelung gescheitert — an einer Digitalisierung, die den Bürger vom Schalter wegschickt und dann nicht einmal ein Dokument annehmen kann, und an einem Apparat, bei dem zwischen Tat und Reaktion Wochen und Monate liegen.
Das ist wichtig, wenn man über die Vorratsdatenspeicherung streitet, über die anlasslose Speicherung von Verbindungsdaten. Ich mache es mir da nicht leicht. Zwei Gerichte haben die pauschale Speicherung gekippt, und der Grund ist ernst: Sie erfasst alle, dauerhaft, ohne jeden Verdacht. Das ist keine Marotte einer kleinen Minderheit, das ist ein handfestes Grundrecht. Auf der anderen Seite ist es wahr, dass eine Ermittlung ins Leere läuft, wenn die Spuren längst gelöscht sind, bis der langsame Apparat endlich reagiert. Beides stimmt. Und deshalb ist die ehrliche Antwort keine der beiden lauten: Die eigentliche Wunde ist der Apparat, nicht der Datenschutz. Repariert man die Struktur, macht sie schneller und weniger zerstückelt, dann braucht man weniger Speicherung, nicht mehr. Wenn man überhaupt länger speichert, dann als das, was es sein sollte — ein Behelf auf Zeit, mit eingebautem Ablaufdatum, der zurückgebaut wird, sobald der Apparat schneller ist. Kein Dauerzustand, der sich unter der Hand einnistet.
Womit ich beim dritten Punkt bin, der Scheindigitalisierung, und den kenne ich aus dem Leben zur Genüge. Digitalisierung heißt an vielen Stellen: Ein Dokument wird eingescannt, verschickt, an der nächsten Stelle wieder ausgedruckt, ausgefüllt, unterschrieben, neu eingescannt und weitergeschickt. Man hat das Papier durch eine Datei ersetzt und trotzdem nichts gewonnen, weil der Ablauf derselbe geblieben ist. Die Digitalisierung ist in der Verwaltung vielerorts noch gar nicht angekommen. Was es bräuchte, ist ein anderes Prinzip: Der Bürger gibt eine Information nur ein einziges Mal, und der Staat holt sie sich intern, wo er sie braucht, statt sie bei jeder Stelle neu abzufragen. Dass das geht, sieht man an den wenigen Stellen, wo es funktioniert — die Zulassung eines Fahrzeugs bis hin zum digitalen Fahrzeugschein läuft erstaunlich rund. Es ist also möglich. Es fehlt nicht am Können, es fehlt am Willen, es überall so zu machen.
Und der vierte Punkt liegt mir als Fachmann besonders am Herzen: unsere Abhängigkeit und die Zersplitterung bei der Technik. Wir hängen bei der Software stark an einem Land, den USA, dessen Verlässlichkeit gerade nicht das ist, was sie einmal war. Und es ist nicht nur eine Frage von Kosten und Abhängigkeit. Es ist auch eine dauernde Frage der Rechtmäßigkeit: Ob wir unsere Daten überhaupt in amerikanische Hände geben dürfen, musste über die Jahre immer wieder neu geregelt werden, mit europäischen Konstruktionen, die kaum standen und schon wieder wackelten. Ein Boden, auf dem man nicht sicher bauen kann. Und im Inneren kämpft derweil jede Kommune, jede Behörde für sich mit ihrer eigenen Insellösung. Beides ließe sich zusammen angehen. Der Bund könnte eine gemeinsame, einheitliche Struktur anbieten, auf der die öffentliche IT läuft. Das brächte gleich dreierlei. Erstens die Sicherheit: Eine zentrale Stelle mit hochspezialisierten Fachleuten kann laufend prüfen, wo Lücken drohen, und die vielen überforderten Administratoren vor Ort entlasten, die dann nur noch die Information bekommen, wo dringend nachgebessert werden muss, und sich sonst um ihren eigentlichen Betrieb kümmern können. Zweitens die Kosten, und die auf mehreren Ebenen zugleich. Man baut nicht tausendfach dasselbe. Man kauft günstiger ein, weil man in großer Zahl verhandelt statt jede Stelle für sich. Man spart die Arbeit, die heute jede Behörde einzeln leistet — das mühsame Suchen nach dem passenden Produkt, das Prüfen, das Anpassen an die eigenen Abläufe. Und der Support wird einfacher und billiger, weil nicht mehr hundert verschiedene Systeme gepflegt werden müssen, sondern wenige. Weniger Vielfalt heißt hier nicht weniger Leistung, sondern weniger Reibung und weniger Kosten an jeder einzelnen Stelle. Und drittens, was oft vergessen wird, die Zusammenarbeit — ein einheitlicheres System würde die digitale Verständigung zwischen Polizeien, Schulen und anderen Diensten überhaupt erst erleichtern, zwischen Kommune, Land und Bund. Heute reden diese Systeme oft nicht miteinander, und genau da entstehen Reibungsverluste wie in meinem Betrugsfall.
Hier will ich einem Missverständnis gleich zuvorkommen, weil ich beim Bildungsthema den Föderalismus verteidigt habe. Das ist kein Widerspruch, im Gegenteil, der Unterschied ist gerade der Kern. Bildung ist Gestaltung — da geht es um Inhalte, um Werte, um echte regionale Eigenheiten, und deshalb sollen die Länder das in der Hand behalten. IT ist kein Gestaltungsraum, sie ist ein Werkzeug. Sie entscheidet nicht, welche Kultur ein Land pflegt oder welche Betriebe es anzieht. Ein Betriebssystem hat keine Landesfarben. Deshalb braucht es hier auch keine vorsichtige Selbstbindung der Länder wie bei der Bildung — hier reicht die schlichte Vernunft. Man muss niemandem befehlen, sich besser vor Angriffen schützen und dabei Geld sparen zu lassen. Wer die Sicherheit und die Kosten nüchtern betrachtet, kommt von allein. Erst das Angebot, dann die Nutzung.
Ehrlich benennen muss man den einen Einwand: Eine einheitliche Struktur ist auch ein einheitliches Ziel. Wer eine Mauer für alle baut, bei dem trifft ein Loch in der Mauer auch alle. Das stimmt. Nur ist die Antwort darauf nicht, es bei tausend schlecht gesicherten Einzellösungen zu belassen. Konzentrierte Kompetenz beherrscht ein konzentriertes Risiko besser als tausend überforderte Einzelkämpfer, von denen jeder für sich verwundbar ist. Ein zentrales Team, das nichts anderes tut, als Tag und Nacht die Sicherheit im Blick zu haben, ist stärker als der eine Administrator im Rathaus, der nebenbei auch noch die Drucker am Laufen halten muss.
Über all dem steht ein Gedanke, der für diese Vision insgesamt gilt, aber hier am deutlichsten wird: Das ist ein Weg mit Zwischenstationen, kein Schalter, den man umlegt. Man ändert das Schulsystem nicht über Nacht, das Gesundheitssystem nicht, die digitale Verwaltung erst recht nicht. Es braucht Zwischenschritte, und manche davon sind Behelfe auf Zeit — so wie die längere Datenspeicherung, von der ich sprach. Und da liegt die Gefahr. Ich kann nicht garantieren, dass ein Behelf auch wieder verschwindet, sobald er nicht mehr gebraucht wird. Die Geschichte kennt genug Übergangslösungen, die nie zurückgebaut wurden.
Deshalb brauchen gerade solche Behelfe zwei Sicherungen, und die eine ist ohne die andere nichts wert. Nicht jeder Zwischenschritt braucht das — die Netze umzubauen ist einfach Arbeit, die man tut. Aber überall dort, wo ein Übergang in Rechte eingreift oder eine Last auferlegt, die sich einnisten könnte, braucht es einen eingebauten Rückweg.
Die erste Sicherung ist eine im Gesetz eingebaute Überprüfung zu festen Zeitpunkten. Aber Vorsicht: So etwas gibt es schon, und meist taugt es nichts, weil es nur heißt, man möge die Sache „mal prüfen“ — und dann wird die Prüfung stillschweigend verschoben, die Frist verlängert, und alles bleibt, wie es war. Scharf wird die Überprüfung erst durch eine einzige Bedingung: Die Regel muss zum Stichtag automatisch auslaufen und darf nur weiterleben, wenn das Parlament sie ausdrücklich neu beschließt. Das dreht die Last um. Nicht mehr der Bürger muss sich abmühen, eine überflüssige Regel loszuwerden — die Politik muss sich anstrengen, sie zu behalten, und sich dafür öffentlich bekennen und eine Mehrheit finden. Wer eine Zumutung verlängern will, muss vor aller Augen die Hand dafür heben.
Die zweite Sicherung ist der wache Bürger, der die Beauftragten im Auge behält. Und ich halte ihn nicht für die schwächere von beiden, wie man zunächst meinen könnte. Gewiss, ein Teil lässt sich vielleicht einlullen, Menschen ermüden, Menschen lassen sich lenken. Aber alle wird man nie müde bekommen. Unter achtzig Millionen bleiben immer ein paar übrig, die nicht schweigen. Und genau die braucht es, damit das automatische Auslaufen und das Neubeschließen im Licht der Öffentlichkeit geschehen und nicht im Stillen durchgewinkt werden. Die eine Sicherung zwingt die Politik zur sichtbaren Entscheidung, die andere sorgt dafür, dass jemand hinschaut, wenn sie fällt. Erst zusammen tragen sie.
Der Staat und das Augenmaß
Fast alles, was ich bisher beschrieben habe, läuft am Ende auf eine einzige Frage hinaus, und mit ihr will ich schließen. Es ist die Frage nach dem Maß. Der Staat verliert es dauernd, in beide Richtungen zugleich. An der einen Stelle regelt er zu viel, bis unter der Last der Vorschriften niemand mehr atmet. An der anderen Stelle setzt er das, was er geregelt hat, gar nicht durch, sodass die Regel zur Kulisse wird. Er mutet dem Kleinen alles zu und lässt den Großen laufen. Und wo er eingreifen müsste, ist er zu langsam. Das ist kein Widerspruch, es ist dasselbe Grundübel: fehlendes Augenmaß.
Fangen wir mit dem Zuviel an. Ich habe vor Jahren mein Dach saniert, jenen alten Bau aus drei Epochen, von dem schon die Rede war. Elf Zentimeter Dämmung sind es geworden — mehr ging nicht, ohne das ganze Dachgerüst umzubauen oder auf teure Spezialmaterialien auszuweichen. Und die rund zwölftausend Euro für die Teilsanierung waren meine Grenze, weiter reichte das Geld nicht. Ich habe also getan, was möglich war, mit dem, was ich hatte.
Für die Förderung reichte es nicht. Die verlangte einen höheren Dämmwert, und wer den nicht erreicht, bekommt nicht etwa weniger — er bekommt gar nichts. Nun überlege man sich das einmal in Ruhe. Das erklärte Ziel der ganzen Förderung ist, Energie zu sparen. Meine elf Zentimeter sparen Energie, jeden Winter aufs Neue. Trotzdem falle ich durchs Raster, weil mein Schritt nicht groß genug war. Es zählt nicht der Schritt in die richtige Richtung, es zählt nur das Erreichen einer Marke. Und es kommt noch verdrehter. Hätte ich mehr Geld in die Hand genommen, um die Schwelle zu erreichen, dann hätte ich es vernünftigerweise gar nicht in diese eine Fläche extrem gesteckt, sondern lieber die anderen Dachflächen mitgedämmt. Für das Energiesparen wäre das viel sinnvoller gewesen — mäßig, aber überall, statt perfekt an einem Fleck und nichts am Rest. Die Regel belohnt also nicht das, was am meisten Energie spart. Sie belohnt das Erreichen einer Zahl an einer einzigen Stelle. Sie misst das Falsche.
So etwas müsste man umdrehen. Eine Förderung, die jeden Schritt belohnt, gemessen an dem, was tatsächlich getan und gespart wurde, nicht an einer Alles-oder-nichts-Schwelle. Wer wenig tun kann, bekommt wenig, aber nicht nichts. Denn jedes bisschen weniger Verbrauch macht uns ein Stück unabhängiger, hilft dem Klima und entlastet den eigenen Geldbeutel — es gibt keinen Grund, den kleinen Schritt zu bestrafen.
Und dann ist da noch die zweite Ungerechtigkeit, die mich als jemanden, der vieles selbst macht, besonders trifft. Gefördert wird die Leistung einer Firma. Was ich mit den eigenen Händen tue, zählt nicht — obwohl es demselben Ziel dient. Wer selbst dämmt, geht leer aus; nur wer Handwerker bezahlt, bekommt etwas zurück. Das ist gerade jetzt absurd, wo Handwerker so schwer zu bekommen sind. Ich wollte mir einmal einen zusätzlichen, intelligenten Stromzähler einbauen lassen, eine Arbeit von keiner Stunde. Die Absage lautete: ein Jahr keine freien Termine. Ein Jahr, für unter eine Stunde Arbeit. Der Staat will, dass modernisiert wird, erkennt aber nur den Weg an, der über genau die Handwerker läuft, die es kaum noch gibt — und schließt den aus, der bereit wäre, selbst anzupacken. Man müsste die Eigenleistung anerkennen, in vernünftigem Rahmen, statt den Willigen vor die verschlossene Tür zu stellen.
Das Zuviel gibt es nicht nur beim Fördern, sondern auch beim Genehmigen. Nehmen wir eine Straße, die Ortsumgehung der B 3 bei Friedberg. Erste Pläne gab es in den fünfziger Jahren, Baurecht bestand erst gut ein halbes Jahrhundert später, eröffnet wurde sie 2009. Dazwischen lag ein Hin und Her, das viele dort miterlebt haben: eine Trasse im Westen, dann im Osten, dann durch die Mitte, zeitweise sogar ein Tunnel. Bürgerinitiativen dafür und dagegen. Ein Bund, der das Projekt ins Programm nahm, wieder strich und wieder aufnahm. Interessant ist, was am Ende nicht geschah: Geklagt wurde gar nicht, der Beschluss wurde unanfechtbar. Der Stillstand kam also nicht aus dem Gerichtssaal. Er kam aus einem Verfahren, das jeden Einwand hören und jede ernsthafte Variante prüfen muss, und aus einem Haushalt, der jedes Jahr neu entscheidet. Der Schaden durch die verlorenen Jahrzehnte lief derweil einfach weiter — nur bekommt der keinen Preis und keine Stimme, im Gegensatz zu jeder einzelnen Einwendung.
Jetzt versteht mich nicht falsch: Ich will weder das Klagerecht abschaffen noch das Recht, Einwände vorzubringen. Wer betroffen ist, muss sich wehren können, das ist ein hohes Gut. Aber man könnte die Ausübung bündeln, ohne das Recht zu beschneiden. Man sagt: Wir wollen so bauen. Wer etwas einzuwenden hat, bringt es jetzt vor, bis zu einem Stichtag, und alles wird zusammen in einem Verfahren abschließend behandelt. Von mir aus mit einer Berufungsmöglichkeit — aber danach kein Aufrollen von vorn mehr, weder durch immer neue Einwände noch durch eine Kette von Klagen, wo es sie denn gibt. Das nimmt niemandem sein Recht. Es verhindert nur, dass die endlose Wiederholung selbst zur Waffe wird, mit der sich jeder Fortschritt über Jahre lahmlegen lässt. Wieder die Verhältnisfrage: Der Nutzen jeder einzelnen Einwendung ist unbestritten — aber steht die nie endende Form, in der ein Vorhaben immer wieder von vorn beginnt, im Verhältnis zu dem Schaden, den der ewige Stillstand anrichtet?
Nun das Gegenstück, das Zuwenig. Denn genauso wie es zu viele Regeln gibt, gibt es Regeln, die zwar dastehen, aber nie durchgesetzt werden — und das ist am Ende fast schlimmer, weil es die Falschen bestraft. Nehmen wir das Arbeitszeitrecht. Es ist streng, es ist gut, es schützt die Menschen vor Überlastung. Nur schaut kaum jemand nach, ob es eingehalten wird. Ein Betrieb wird statistisch nur alle paar Jahrzehnte überhaupt einmal kontrolliert, weil bei den Aufsichtsbehörden über Jahre Personal gestrichen wurde. Eine Regel, deren Bruch praktisch nie auffällt, ist so gut wie keine Regel.
Wie das aussieht, sieht man an der Pause, die keine ist. Eine Pause im Sinne des Gesetzes ist eine Unterbrechung, in der man weder arbeitet noch sich bereithalten muss. Wer aber im Nachtdienst allein eine Pflegestation hält und durchgehend den Melder trägt, der hat keine Pause, sondern das, was das Gesetz Arbeitsbereitschaft nennt — man muss nicht ununterbrochen etwas tun, aber jederzeit einspringen können. Das ist Arbeitszeit, auch wenn man sie Pause nennt. In der Pflege und im Krankenhaus ist das am schlimmsten, und zwar nicht nur für die Beschäftigten. Eine übermüdete Kraft, die nachts allein die Medikamente stellt, gefährdet auch die, die ihr anvertraut sind. Aus einer Frage des Arbeitsschutzes wird plötzlich eine Frage der Sicherheit für die Schwächsten — und das ist der Grund, warum der Staat hier nicht wegschauen dürfte, bis sich jemand beschwert. Dasselbe Muster findet sich überall, wo viele Menschen unter Druck und mit knappem Personal arbeiten: beim Zimmerservice im Hotel, im Paket- und Kurierdienst, im Sicherheitsgewerbe, das ich aus eigener Anschauung kenne — der Wachmann, der nach zwölf Stunden noch dasitzt, weil die Ablöse nicht kommt, und der am Alleinposten gar keine Pause machen kann, weil niemand da ist, der ihn ablöst.
Der eigentliche Skandal ist dabei nicht der einzelne Betrieb, sondern der Anreiz, der auf ihn wirkt. Wo Entdeckung unwahrscheinlich und die Strafe niedrig ist, wird das Einhalten der Regeln zum Wettbewerbsnachteil. Der ehrliche Betrieb, der seine Leute ordentlich ablöst und korrekt bezahlt, ist teurer als der, der es nicht tut — und wird damit zum Dummen. Nicht die Menschen sind das Problem, sondern ein System, das den Anständigen bestraft und den Rücksichtslosen belohnt.
Und da ist ein Gedanke, den ich für einen der wichtigsten in diesem ganzen Text halte, so unscheinbar er klingt: Schwache Kontrolle ist keine Nachsicht gegenüber den Unehrlichen. Sie ist eine langsame Umerziehung der Ehrlichen. Wer über Jahre sieht, dass sich Anstand nicht lohnt, dass der Nachbar ungestraft trickst, während er selbst brav bleibt und dafür draufzahlt, der gibt irgendwann den Anstand auf. Genau so bröckelt das Vertrauen, von dem eine Gesellschaft lebt — leise, ohne großen Knall, ein Mensch nach dem anderen. Und das führt zurück zu der Falle vom Anfang: Wenn nichts mehr fair erscheint, wächst genau die Enttäuschung, die die Ränder ernten.
Man muss hier keine neuen Regeln erfinden, im Gegenteil. Das ist die andere Hälfte des Augenmaßes: Streiche die Regeln, deren Nutzen ihre Kosten nicht rechtfertigt — und setze dafür die durch, die wichtig sind. Weniger, aber wirksame Regeln statt vieler folgenloser. Denn eine Regel, die niemand kontrolliert, hat allen Aufwand des Regelmachens und keinen Nutzen. Das ist das schlechteste Verhältnis von allen.
Und hier hilft ausgerechnet die Digitalisierung, wenn man sie ernst nähme. Kontrolle scheitert ja oft an den Kosten, an fehlendem Personal. Aber vieles ließe sich einfacher, schneller und billiger prüfen, wenn die nötigen Angaben von vornherein einheitlich und maschinell auswertbar erfasst würden, statt in tausend verschiedenen Formaten in Aktenschränken zu liegen. Das ist derselbe Gedanke wie beim Once-Only-Prinzip von vorhin. Wer wenig Personal hat, muss es dort einsetzen, wo es wirklich hinschauen muss — und nicht dort, wo eine gute Datenbank die Arbeit schon vorsortiert hätte.
Und damit sind wir beim dritten und für mich bittersten Punkt: Der Staat mutet dem Kleinen alles zu und lässt den Großen laufen. Das lässt sich an einem unscheinbaren Beispiel zeigen, den Kassen in der Gastronomie. Seit Jahren dürfen Finanzbeamte unangekündigt eine Kasse prüfen. Nur geschieht das so selten, dass ein Betrieb im statistischen Mittel erst nach einem halben Berufsleben oder länger einmal drankommt. Und lange kam es noch schlimmer: Die Pflicht, ein Kassensystem überhaupt beim Finanzamt anzumelden, war schon vor Jahren beschlossen — aber der Staat brachte die technische Möglichkeit dafür ein halbes Jahrzehnt lang nicht zustande. Erst seit Anfang 2025 funktioniert die Meldung wirklich. Das heißt, über Jahre wusste kein Finanzamt zuverlässig, welche Kassen es überhaupt gibt; die gezielte Prüfung lief ins Leere. Der Staat hatte seine eigene Kontrolle, die er beschlossen hatte, schlicht nicht einsatzbereit gemacht. Dass es inzwischen läuft, ist gut — aber es zeigt das Muster: Eine Regel auf dem Papier ist wertlos, solange niemand dafür sorgt, dass sie in der Wirklichkeit auch greifen kann.
Und selbst wenn dann geprüft wird, macht man es den Prüfern unnötig schwer, weil sich die Kassendaten oft nur mühsam auswerten lassen. Auch dafür wäre die Lösung lächerlich einfach. Man müsste in die Zulassung solcher Kassensysteme nur eine einzige Zeile schreiben: dass die Software auf Knopfdruck eine standardisierte Auswertung für den Prüfer ausgeben muss. Dann sieht ein Beamter vor Ort in Minuten, was Sache ist, statt sich durch Papier zu wühlen. Auch das kostet den Staat fast nichts. Es fehlt nur.
Und jetzt stelle man das nebeneinander. Dem Arbeitnehmer wird die Lohnsteuer automatisch abgezogen, bevor er sein Gehalt überhaupt in der Hand hält. Er hat gar keine Wahl, ehrlich zu sein — er ist es zwangsläufig. Wer dagegen eine Bargeldkasse führt, hat einen Spielraum, den fast nie jemand kontrolliert. Der eine kann sich der Zumutung nicht entziehen, der andere schon. Und es trifft nicht nur die Staatskasse: Der ehrliche Wirt, der alles korrekt abführt, wird vom unehrlichen Nachbarn unterboten und langsam aus dem Markt gedrängt. Wieder wird der Anständige zum Dummen.
Das gilt vom kleinen Betrug bis zum größten. Cum-Ex, der wohl größte Steuerraub der Geschichte, ging um zweistellige Milliardenbeträge — über die genaue Höhe streiten die Fachleute, und ich will keine der Zahlen aufblasen, die durch die Presse geistern. Aber eines ist greifbar: Bei einem der zentralen Täter, der Millionen zurückzahlen sollte, kamen am Ende weniger als ein Prozent tatsächlich beim Staat an. Der Rest war rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Und während man diesen Summen kaum hinterherkommt, entsteht beim kleinen Steuerzahler der Säumniszuschlag automatisch, kraft Gesetzes, wenn er nur einen Tag zu spät zahlt. Die kleine Verfehlung trifft eine Maschine, die große trifft einen Verhandlungstisch. Genau dieses Gefühl — die Großen lässt man laufen, die Kleinen hängt man — untergräbt das Vertrauen in den Rechtsstaat mehr als fast alles andere.
Damit sind wir bei einem Thema, um das viel Aufhebens gemacht wird und bei dem ich um Genauigkeit bitte: die stärkere Beteiligung der sehr Vermögenden, etwa über eine Vermögensteuer. Mir geht es dabei ausdrücklich nicht um die Höhe. Es geht mir darum, dass dem Kleinen zugemutet wird, was der ganz oben sich legal ersparen kann. Und dass der Staat ihn dabei auch noch besserstellt, aus einer Angst heraus. Das Argument lautet immer: Wenn wir die Vermögenden stärker beteiligen, wandern sie ab. Also lässt man sie lieber in Ruhe.
Nur, schaut man genau hin, wandern die allerwenigsten wirklich ab. Ihr Unternehmen steht, wo es steht, mit Belegschaft und Zulieferern; ihr Leben, ihre Sprache, ihr Umfeld sind hier. Die bloße Drohung mit dem Koffer aber wirkt trotzdem, weil sie nicht wahr gemacht werden muss, um zu wirken. Es reicht, sie auszusprechen. So wird aus der Möglichkeit, zu gehen, ein Vetorecht gegen jede Belastung. Und dieses Vetorecht hat nur, wer mobil und laut genug ist. Die Krankenschwester, der Handwerksmeister, die Angestellte — die können nicht drohen. Sie zahlen, wo sie leben, weil sie dort leben. Ihre Ortsgebundenheit steht in keiner Zeitung.
Dabei geht es überhaupt nicht um Enteignung, und dieser Unterschied ist mir wichtig. Es geht um eine angemessene Beteiligung derer, die vom Gemeinwesen am meisten haben — eben weil sie hier am meisten besitzen. Wer viel hat, hat viel, das geschützt werden muss: durch Gerichte, die Verträge durchsetzen, durch Straßen, auf denen seine Waren rollen, durch ein Bildungssystem, das ihm Fachkräfte ausbildet, durch eine Polizei, die für Sicherheit sorgt. Das alles kostet Geld, und es nützt dem Vermögenden nicht weniger als dem Angestellten, sondern mehr. Ehrlich gesagt: Die stärkere Beteiligung würde die wirklich Reichen bei keinem einzigen Einkauf spüren. Aber sie würden es sehr wohl spüren, wenn der Staat mit diesem Geld seine Aufgaben besser erfüllt — bei der Sicherheit, bei der Infrastruktur, bei allem, wovon gerade sie überdurchschnittlich leben. Und wem selbst das nicht passt, der soll dann tatsächlich gehen, statt nur zu drohen. Das ist immer noch billiger, als aus Angst vor einer Drohung gleich allen die faire Beteiligung zu erlassen. Ein Gemeinwesen kann sich nicht von der Drohung Einzelner regieren lassen.
Am Ende geht es bei all dem um dasselbe Gefühl, und es ist ein empfindliches. Die meisten Menschen tragen ihren Teil bereitwillig, solange sie glauben, dass die anderen es auch tun — dass es gerecht zugeht. Dieser Glaube ist kein fester Besitz, er ist eine Reaktion. Er hält, solange das Maß stimmt, und er kippt, wenn sichtbar wird, dass der Kleine für jeden Tag geradesteht, während der Große sich herausredet. Das Maß zu wahren ist deshalb nicht nur eine Frage des Geldes. Es ist die Frage, ob die Menschen dem Ganzen noch vertrauen.
Und damit dieses Maß überhaupt durchgesetzt werden kann, braucht es einen, der es durchsetzt, ohne Ansehen der Person — die Justiz. Und da will ich fair sein: Unsere Justiz gehört im Kern zu den besten überhaupt. Was Rechtsstaatlichkeit, Fairness und die Unabhängigkeit der Richter angeht, können viele Länder von uns lernen. Es geht mir nicht um ein Schlechtreden des Ganzen. Es geht um einige wenige Bereiche, in denen es trotzdem kippt — und gerade weil das Fundament so gut ist, lohnt es sich, genau diese Stellen zu richten.
Auch hier ist es wieder die Frage nach dem Maß, nur an einem anderen Punkt. Der Justizapparat — und ich meine damit alles, die Gerichte wie die Staatsanwaltschaften — ist überlastet. Verfahren ziehen sich, und das hat eine Folge, die man kaum glauben mag: Manchmal muss ein Schwerverbrecher aus der Untersuchungshaft entlassen werden, weil das Verfahren gegen ihn zu lange gedauert hat. Da kippt der Apparat ins genaue Gegenteil dessen, wofür er da ist. Wer alles gleich gründlich verfolgen will, vom kleinsten Vergehen bis zum schwersten, der verliert am Ende die Kraft, das Wichtige rechtzeitig zu tun.
Deshalb muss man priorisieren, und das ist keine Nachlässigkeit, sondern die Bedingung dafür, dass der Staat überhaupt handlungsfähig bleibt. Man könnte etwa bestimmte kleine Delikte so umgestalten, dass sie mit ganz wenig Aufwand abgearbeitet werden — nicht, weil sie egal wären, sondern damit die knappe Kraft dorthin geht, wo sie gebraucht wird. Ich sage das ohne Begeisterung, es ist eine Abwägung mit einem Preis. Aber ein Apparat, der an der Menge der Kleinigkeiten erstickt und darüber die Schweren laufen lässt, dient niemandem.
Wichtiger noch ist mir die zweite Achse, und da wende ich mich ausdrücklich gegen den Ruf nach immer härteren Strafen. Ein Staat, der schnell und verlässlich reagiert, wirkt nicht schwach — nicht weil er härter straft, sondern weil die Reaktion überhaupt kommt und zeitnah kommt. Gerade bei jungen Menschen zählt weniger die Höhe der Strafe als eine sinnvolle Begleitung, die verhindert, dass aus einem Fehltritt eine Laufbahn wird. Und das hängt mit allem zusammen, was ich vorher beschrieben habe. Wer die Ursachen angeht — die Bildung, die Orte, an denen junge Menschen aufgefangen werden, die Perspektive, die einem das Land gibt oder eben nicht —, der entlastet die Justiz mehr als jede Verschärfung. Es greift ineinander. Man kann nicht am einen Ende sparen und sich am anderen über die Folgen wundern.
Und dann ist da die dritte Achse, die heikelste und für die Demokratie wichtigste. Unsere Staatsanwaltschaften sind weisungsgebunden. Am Ende der Kette steht das Justizministerium, also die Politik. Das bedeutet, dass eine Regierung Einfluss darauf nehmen kann, wie und ob ermittelt wird — und, das ist der entscheidende Punkt, ohne dass der Bürger es je erfährt, denn solche Weisungen werden nicht öffentlich gemacht. Man kann nicht kontrollieren, was man nicht sieht. Damit hat die Politik einen stillen Hebel, mit dem sich unbequeme Ermittlungen bremsen lassen, gerade dort, wo sie die Mächtigen selbst betreffen. Cum-Ex hat gezeigt, was passiert, wenn die Verfolgung am politischen Wohlwollen hängt: Einheiten, die dem Geld nachjagen sollten, wurden stillschweigend wieder aufgelöst; erfahrene Ermittler verließen entnervt den Dienst.
Und es geht noch weiter, bis ins Mark der Demokratie hinein. Wenn die Staatsanwaltschaft weisungsgebunden ist, dann lassen sich Ermittlungen gegen Abgeordnete nicht nur bremsen, sondern ebenso forcieren — je nachdem, wem es gerade nützt und wer das Ministerium besetzt. Der Apparat kann zum Schutzschild für die Eigenen werden und zur Waffe gegen die Gegner, und beides im Verborgenen, weil die Weisungen nicht ans Licht kommen. Damit wird die Strafverfolgung zu einem Werkzeug im Machtkampf, mal schützend, mal angreifend, immer unsichtbar. Das ist kein Randproblem der Verwaltung. Das ist eine offene Flanke der Gewaltenteilung selbst.
Eine weisungsunabhängige Staatsanwaltschaft würde diesen Hebel entfernen. Das ist keine exotische Forderung — die Europäische Union verlangt schon lange mehr Unabhängigkeit, und Deutschland gehört zu den Ländern, die hier hinterherhinken. Eine Justiz, die gegen die Mächtigen ermitteln soll, darf nicht von den Mächtigen abhängig sein. Erst wenn das gesichert ist, gilt vor dem Gesetz wirklich für alle dasselbe — und wir sind wieder bei dem Maß, um das es in diesem ganzen letzten Teil geht. Denn eine Regel ist nur so viel wert wie die Gewissheit, dass sie für jeden gilt, auch für den, der die Regeln macht.
Der Weg gehört uns allen
Am Anfang stand die Falle. Die Politik, die schnell etwas Sichtbares liefert, statt langsam etwas Wirksames. Der Bürger, der Hilfe jetzt will und die Geste belohnt. Beide zusammen in einem Kreis, aus dem keiner ausschert, und am Rand die Stimmen, die aus der Enttäuschung ihren Gewinn ziehen. Ich habe gesagt, diese Falle habe keinen Bösewicht, alle hielten sie am Laufen. Und genau darin liegt die gute Nachricht, mit der ich schließen will: Was wir gemeinsam am Laufen halten, können wir auch gemeinsam anhalten.
Denn nichts von dem, was ich beschrieben habe, hängt allein an denen da oben. Es hängt auch an uns, an jedem Einzelnen, mehr als wir meist glauben. An dreierlei ganz besonders.
Am ehrlichen Handeln, zuerst. Ich habe vom Vertrauen gesprochen, das leise bröckelt, wenn jeder sieht, dass Anstand sich nicht lohnt. Aber es hält auch andersherum, Mensch für Mensch. Jeder, der redlich bleibt, obwohl er tricksen könnte, hält seinen Teil des Ganzen zusammen. Das klingt klein. Es ist es nicht.
An der eigenen Urteilskraft, als Zweites. Wir leben in einer Zeit, in der alles gleich glaubwürdig daherkommt — das Wahre und das Erfundene, sauber aufgemacht, kaum noch zu unterscheiden. Da reicht es nicht mehr, etwas zu glauben, weil es überzeugend aussieht. Man muss selbst abwägen, prüfen, die Mühe des eigenen Nachdenkens auf sich nehmen. Das ist anstrengend, und es ist unbequem. Aber es ist die Bürgerpflicht unserer Zeit geworden. Ein Volk, das sich sein Urteil abnehmen lässt, ist leicht zu lenken.
Und am eigenen Zutun, drittens. Damit meine ich nicht die große Aufopferung. Ich meine den Trainer im Sportverein, der ein paar Kindern das Laufen beibringt — und dafür ruhig eine kleine Anerkennung bekommen darf, das muss nicht selbstlos sein. Ich meine die vielen kleinen Beiträge, mit denen Menschen ihre Gemeinschaft am Leben halten. Die einen halten die Orte lebendig, von denen ich gesprochen habe, den Verein, den Treffpunkt. Die anderen fangen die auf, denen es schwerfällt: die Hand bei der Tafel, der Mensch, der einen alten Nachbarn im Rollstuhl zum Spaziergang mitnimmt, der, der einem Trauernden einfach zuhört, damit jemand da ist. Ein Gemeinwesen ist nicht nur das, was der Staat tut. Es ist auch die Summe dessen, was seine Bürger füreinander tun.
Und wenn wir das tun, dann können wir den Politikern etwas zeigen, das sie sonst nur erraten: was wir wirklich wollen. Denn ich bin überzeugt, dass die allermeisten dasselbe wollen — ein Land, das funktioniert, in dem es fair zugeht und in dem sich Anstrengung lohnt. Selbst viele, die aus Verzweiflung an den Rändern ihr Kreuz machen, wollen im Grunde nicht das, was die lautesten Stimmen dort antreibt. Sie sehen nur gerade keine andere Lösung. Diesen Menschen nimmt man den Boden nicht mit Empörung, sondern indem man ihnen zeigt, dass es eine gibt — einen Weg, der ihre echten Sorgen ernst nimmt, ohne einen Schuldigen zu brauchen.
Wie man diesen Weg findet, das ist am Ende ganz einfach, und es ist der rote Faden durch alles, was ich hier geschrieben habe. Man muss zuerst genau benennen, was einen stört. Dann muss man ebenso genau sagen, wohin man eigentlich will. Wer beides nicht kennt, sucht vergeblich und dreht sich im Kreis — das ist die Falle. Nicht für jedes Problem wird es gleich einen fertigen Weg geben, das wäre gelogen. Aber ohne Startpunkt und ohne Ziel findet man überhaupt keinen. Deshalb war jedes Problem in diesem Text nur der Anfang. Wichtig ist immer das Danach: das Wohin.
Wir kennen jetzt eine Menge Probleme, und wir kennen für vieles auch das Ziel. Was bleibt, ist der Weg dorthin — und der ist nicht das Ende von irgendetwas, sondern ein Anfang. Lasst ihn uns bauen, gemeinsam und zügig, über die Jahre, mit dem Mut zur Zumutung und der Freude an der Aufgabe. Nicht gegeneinander, nicht von Wahl zu Wahl, sondern miteinander und auf lange Sicht. Es ist unser Land, und es ist unser Weg. Zum Wohle aller.
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Stand: September 2026