Diesmal sind wir es: Wie viel am Klimawandel natürlich ist – und wie man das überhaupt wissen kann
Wie viel am Klimawandel natürlich ist – und wie man das überhaupt wissen kann
Das Klima hat sich immer geändert – das stimmt. Woher also die Gewissheit, dass diesmal der Mensch dahintersteckt? Dieses Buch nimmt den Zweifel ernst und geht ihm Schritt für Schritt nach: von den Eiszeiten über das Gedächtnis der Erde bis zur Frage, warum eine kleine Menge Gas eine so große Wirkung hat. Kein wissenschaftliches Werk und keine Predigt, sondern die Begründungen, die in der Debatte meist fehlen – damit sich jeder selbst ein Urteil bilden kann.
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Vorwort
Ich habe lange auf einem bestimmten Standpunkt gestanden, und ich vermute, ich war damit nicht allein. Ja, den Klimawandel gibt es – daran hatte ich keinen ernsthaften Zweifel. Ob wir ihn aber wirklich aufhalten können, das schien mir eine ganz andere und viel offenere Frage. Und, ehrlich gesagt, hat mich diese Unsicherheit nie besonders gestört. Denn das, was wir gerade als klimaschädlich bekämpfen – die fossilen Energieträger –, bekämpfe ich ohnehin, aus einem ganz anderen Grund: Kohle, Öl und Gas sind endlich, und je knapper sie werden, desto mehr werden sie zu einem geopolitischen Druckmittel. Man muss die Klimafrage gar nicht bemühen, um zu dem Schluss zu kommen, dass ein Ausstieg aus diesen Rohstoffen klug wäre. Meine Haltung in der Sache hing also nie davon ab, wie die Klimarechnung am Ende ausfällt.
Gerade deshalb konnte ich das Thema lange mit einer gewissen Gelassenheit betrachten. Irgendwann aber wollte ich es doch genauer wissen. Wie viel ist wirklich dran an dieser Sache – und wie viel ist Zuspitzung? Ich wollte nicht länger eine Meinung haben, sondern verstehen. Also fing ich an, mich durch die Grundlagen zu arbeiten, nicht als Wissenschaftler, sondern als neugieriger Mensch, der wissen will, worauf die großen Behauptungen eigentlich beruhen.
Dabei stieß ich auf etwas Merkwürdiges. Dass die mediale Aufmerksamkeit für das Thema groß ist, steht außer Frage, und dass dabei zuweilen zugespitzt und überzeichnet wird, ebenfalls. Ich will das gar nicht tadeln. Manchmal muss man etwas überziehen, um überhaupt gehört zu werden; eine gewisse Dramatisierung ist der Preis der Aufmerksamkeit, und sie ist erst einmal legitim. Was mir aber fehlte, war etwas anderes: die ruhige, aufklärende Seite, die neben all der Aufmerksamkeit hätte stehen müssen und es nicht tat. Denn einige der Tatsachen, die ich für dieses Buch zusammengetragen habe, sind schlicht, überprüfbar und keineswegs geheim – und dennoch habe ich sie trotz all der medialen Präsenz des Themas nie so klar und zusammenhängend gelesen, wie sie es verdient hätten.
Man hört ständig das Ergebnis, aber kaum je die Begründung. Man hört „der Mensch ist schuld“ und „siebenundneunzig Prozent der Forscher sind sich einig“, aber fast nie, warum. Und gerade dieses Fehlen der Begründung, so wurde mir klar, ist es, was eine ernsthafte Diskussion so schwer macht. Wer nur das Ergebnis kennt, muss glauben oder misstrauen. Erst wer die Begründung kennt, kann verstehen und selbst urteilen.
Genau das ist die Grundlage dieses Buches geworden. Es will jene Fakten, die so selten den Weg in die öffentliche Debatte finden, klar und nachvollziehbar auslegen. Es ist ausdrücklich kein wissenschaftliches Werk und will keines sein – es erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und verzichtet auf den Apparat, mit dem sich Fachleute untereinander verständigen. Es wendet sich an den interessierten Menschen, gleich welchen Alters, der die Zusammenhänge einmal in Ruhe und ohne Vorbedingung durchdenken möchte.
Ich schreibe dieses Buch nicht, um jemanden zu bekehren. Ich schreibe es, weil ich selbst den Weg vom vagen Standpunkt zum wirklichen Verständnis gegangen bin und dabei festgestellt habe, wie viel klarer die Sache wird, wenn man sie einmal von Grund auf betrachtet. Diesen Weg möchte ich weitergeben. Wohin er den einzelnen Leser führt, ist seine eigene Sache – und soll es bleiben.
Kapitel 1
Das Klima hat sich immer geändert
Es gibt einen Satz, der in fast jeder Diskussion über den Klimawandel früher oder später fällt, und er hat den Vorzug, wahr zu sein: Das Klima der Erde hat sich immer geändert. Wer das sagt, hat recht. Es ist kein Totschlagargument von Uneinsichtigen, sondern eine schlichte Beschreibung der Erdgeschichte. Wer ehrlich über den heutigen Klimawandel nachdenken will, muss hier anfangen – nicht bei der Anklage, sondern bei dieser unbequemen, richtigen Beobachtung.
Denn sie stimmt in einem Ausmaß, das die meisten Menschen unterschätzen. Vor etwa 20.000 Jahren, als sich die letzte Eiszeit ihrem Höhepunkt näherte, lag dort, wo heute Hamburg steht, keine Stadt und kein Fluss, sondern eine baumlose Kältesteppe. Skandinavien trug einen Eispanzer, der an manchen Stellen drei Kilometer dick war – höher als die meisten Alpengipfel. So viel Wasser war in diesen Eismassen gebunden, dass der Meeresspiegel weltweit rund 120 Meter tiefer lag als heute. Zwischen dem europäischen Festland und England erstreckte sich trockenes Land, durch das Menschen zu Fuß gehen konnten. Die Nordsee, wie wir sie kennen, existierte nicht.
Das ist keine unvorstellbar ferne Vergangenheit. In geologischen Maßstäben ist es vorgestern. Und es war kein Einzelfall. Ziehen wir den Blick weiter auf, erkennen wir ein Muster: Die Erde pendelt seit über zwei Millionen Jahren zwischen langen, bitterkalten Eiszeiten und kürzeren, milderen Warmzeiten hin und her. Wir leben heute in einer solchen Warmzeit, die vor rund 11.700 Jahren begann. Alles, was wir Zivilisation nennen – der Ackerbau, die ersten Städte, die Schrift, die Pyramiden, das Internet – ist in diesem schmalen warmen Zeitfenster entstanden. Menschliche Kultur ist ein Kind der Zwischeneiszeit.
Die Frage, die sich sofort stellt, ist: Warum? Was treibt einen ganzen Planeten in die Eiszeit und wieder heraus, wenn kein Mensch dabei die Finger im Spiel hat? Die Antwort ist bekannt, und sie ist bemerkenswert präzise.
Der wichtigste Taktgeber sitzt nicht auf der Erde, sondern in ihrer Bewegung durch den Raum. Die Erde umkreist die Sonne nicht in einer sauberen, ewig gleichen Bahn. Ihre Umlaufbahn dehnt und staucht sich über Jahrtausende von einer fast kreisrunden zu einer leicht ovalen Form. Die Erdachse, um die sich unser Planet dreht, steht nicht starr, sondern kippt in einem langsamen Rhythmus ein wenig hin und her – mal steiler, mal flacher. Und sie taumelt zusätzlich wie ein Kreisel, der langsam austrudelt. Diese drei Bewegungen überlagern sich zu einem komplizierten, aber vollkommen berechenbaren Zusammenspiel. Man hat sie nach dem serbischen Mathematiker benannt, der sie in den 1920er Jahren durchrechnete, als es noch keine Computer gab: die Milanković-Zyklen.
Der Effekt dieser Bewegungen ist für sich genommen winzig. Sie ändern nicht, wie viel Energie die Sonne insgesamt abstrahlt. Sie verschieben nur, wie sich das Sonnenlicht über die Jahreszeiten und über die Regionen der Erde verteilt – vor allem, wie viel davon im Sommer auf die nördlichen Breiten fällt, wo die großen Landmassen liegen, auf denen Eis wachsen oder schmelzen kann. Ein kühlerer Nordsommer lässt den Winterschnee liegen, statt ihn zu schmelzen. Bleibt der Schnee, reflektiert seine weiße Fläche mehr Sonnenlicht zurück ins All, was die Region weiter abkühlt, was noch mehr Schnee liegen lässt. So schaukelt sich aus einer minimalen Verschiebung über Jahrtausende eine Eiszeit auf.
Halten Sie diesen Gedanken einen Moment fest, denn er wird später wichtig: Eine kleine Ursache kann eine gewaltige Wirkung entfalten, wenn das System sie verstärkt. Das ist keine Besonderheit des menschlichen Einflusses – es ist das Grundprinzip, nach dem das Erdklima überhaupt funktioniert.
Neben diesem Haupttaktgeber gibt es weitere natürliche Kräfte. Die Sonne selbst ist kein vollkommen gleichmäßiger Ofen; ihre Aktivität schwankt in Zyklen und über längere Zeiträume ein wenig. Große Vulkanausbrüche schleudern Asche und feine Schwefeltröpfchen bis in die hohe Atmosphäre, wo sie sich wie ein dünner Schleier um den Globus legen und für ein, zwei Jahre das Sonnenlicht abschirmen – nach dem Ausbruch des Tambora 1815 fiel in Europa und Nordamerika der Sommer praktisch aus, die Ernten verdarben, 1816 ging als „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte ein. Und über Jahrmillionen verschieben sich sogar die Kontinente selbst, öffnen und schließen Meeresstraßen, lenken Meeresströmungen um und verändern das Klima von Grund auf.
All das ist unbestritten. Kein Klimaforscher, keine wissenschaftliche Institution, kein Bericht des Weltklimarats leugnet, dass sich das Klima aus natürlichen Gründen ändert und immer geändert hat. Im Gegenteil: Das Wissen über diese natürlichen Schwankungen stammt genau von denselben Forschern, die auch den menschlichen Einfluss untersuchen. Es sind dieselben Eisbohrkerne, dieselben Sedimentablagerungen, dieselben Methoden, die uns die Eiszeiten offenbaren und die uns heute Auskunft über die Gegenwart geben.
Und damit sind wir am eigentlichen Punkt. Wenn das Klima sich immer geändert hat – aus Gründen, die nichts mit dem Menschen zu tun haben –, dann ist es keine Trotzhaltung, sondern eine vernünftige, fast zwingende Frage, sie zu stellen: Woher wollen wir wissen, dass die Erwärmung, die wir heute messen, nicht auch einfach so ein natürlicher Ausschlag ist? Vielleicht einer von vielen, den wir nur deshalb dem Menschen zuschreiben, weil wir gerade zufällig dabei zusehen?
Das ist die ehrlichste Frage, die man in dieser Debatte stellen kann. Sie verdient keine empörte Zurückweisung, sondern eine ordentliche Antwort. Doch bevor wir sie beantworten, müssen wir eine Vorfrage klären, die sich geradezu aufdrängt: Woher wollen wir überhaupt wissen, wie warm es vor 20.000 Jahren war oder wie viel Kohlendioxid damals in der Luft lag? Es stand ja niemand mit einem Messgerät dabei. Dieser Frage – dem Gedächtnis der Erde – gilt das nächste Kapitel.
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© Carsten Hoffmann (Kitilop.de). Alle Rechte vorbehalten.

